Rock am See vor 23. 000 Besuchern

Wer wagt, gewinnt. Rock am See statt Ende August noch einen Monat später zu veranstalten, war ein Wagnis. Eines, das aufging: mit strahlend blauem Himmel, um die 20 Grad Wärme und 23 000 Besuchern.

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Wer hätte das gedacht? Dass nicht Kälte oder Regen, sondern die zuhause vergessene Sonnencreme das größte Problem der Besucher eines Herbst-Open-Airs darstellen würde? Die Veranstalter, die am Samstag - noch einen Monat später als sonst - mit Rock am See das Konstanzer Bodenseestadion erbeben ließen, sind sich ihres Glücks bewusst. "Das war ein großes Risiko", sagt Monika Kolar, Pressesprecherin von Koko & DTK Entertainment. Dass 22 000 Menschen schon im Vorverkauf Tickets für das eintägige Rock-Festival erworben hatten, wertet sie als Vertrauensvorschuss. 1000 Karten gingen dann noch im Lauf dieses nach zwei kühlen, regnerischen Wochen ersten durchweg sonnigen und nachmittags um die 20 Grad Celsius warmen Tages an der Tageskasse weg. Mit 25 000 Leuten wäre das Bodenseestadion ausverkauft gewesen, aber für Ende September sind auch 23 000 ein respektables Ergebnis.

Der Grund für diesen Zuspruch ist nicht schwer zu erraten. Er besteht aus: Artikel, Adjektiv, Nomen. Genauer: Die. Toten. Und Hosen. Die waren Headliner des Festivals - und seit vergangenem November ist die 1982 gegründete Punkrockband mit ihrer "Ballast der Republik"-Tour quasi zum Zugpferd der Nation avanciert. Noch zwei Termine, dann ist diese zu den erfolgreichsten Konzertreisen im deutschsprachigen Raum zählende Tour vorbei. Die meisten Hosen-Konzerte waren rasch ausverkauft. Da kam der relativ spät bekanntgewordene Open-Air-Termin vielen Fans gerade recht.

Dazu war auch das restliche Line-up des traditionsreichen Festivals einmal mehr gelungen: ein Mix aus bekannten Bands, die bestens zusammenpassen, und Neuentdeckungen. So hatten die Hosen-Fans - den T-Shirts nach zu urteilen stellten sie die absolute Mehrheit der Anwesenden - zwischen deren Zöglingen Broilers und Donots sowie den einen ähnlichen Fankreis ansprechenden Schweden The Hives immer wieder Zeit, sich außerhalb der vorderen Wellenbrecher etwas zu essen oder trinken zu holen.

Denn zwischendrin spielten Band of Skulls aus dem englischen Southampton und Primal Scream aus dem schottischen Glasgow. Die sprachen den gemeinen Hosen-Fan nicht so an. Den "Wir wolln die Broilers sehn"- und "Wir wolln die Hosen hörn"-Sprechchören nach zu urteilen zumindest. Andere Musikfans beeindruckten sie umso mehr. Nicht zuletzt Veranstalter Dieter Bös, für den mit der Verpflichtung von Primal Scream ein langgehegter Wunsch in Erfüllung ging. Der Acid-Triphop-Rock-Dance-Act um Ex-The-Jesus-and-Mary-Chain-Drummer Bobby Gillespie mit den bekannten Drogenproblemen und zwei wegweisenden Alben von 1991 und 2000 sowie der tollen neuen Scheibe "More Light" im Gepäck macht sich auf Festivals äußerst rar.

Doch für Rock am See jetteten der anfangs etwas verplant wirkende Gillespie, Kevin Shields, Andrew Innes & Co. zwischen Terminen in London und Bristol ans Bodenseeufer. Dort streuten sie zwischen aktuelle Stücke wie "2013" und "Goodbye Johnny" trotz kleinerer technischer Probleme ihre Hits "Swastika Eyes", "Loaded" und "Come Together". Doch noch besser gelang es Band of Skull, die anfangs kaum interessierten Besucher am Nachmittag zu fesseln. Mit ihrem komplexen, druckvollen und tanzbaren Alternative-Rock mit zweistimmigem Gesang sind Matt Hayward, Russell Marsden und Emma Richardson nicht auf die Info angewiesen, dass sie es auf den "Twilight"-Soundtrack geschafft haben. Eher schon können sie sich damit rühmen, Queens of the Stone Age auf Tour zu begleiten.

Den Titel "Newcomer des Tages" indes erspielten sich eine weitere Band. Die hatte den schweren Job, das Musikfestival um 13 Uhr zu eröffnen, so kompetent wie lässig und charmant erfüllt: The Strypes. Auch mit den drei erst 16-jährigen Iren, die den Blues anscheinend mit der Muttermilch aufgesogen haben, hat Bös ein gutes Händchen bewiesen. Er hatte sie bereits unter Vertrag, als die britische Musikpresse zu Hymnen anhob. In die stimmte Broilers-Sänger Sammy Amara neidlos ein: Früh am Tag, als er noch versucht habe zu schlafen, habe er eine Band gehört, die verdächtig nach den Stones klang, erzählte er. Als er dem abgeklärt wirkenden Bluesrock übers Gelände folgte, war er ob der Jugend der Musiker basserstaunt: "Selbst wenn Broilers, Donots und Die Toten Hosen zusammenlegen, werden wir niemals so gut spielen wie diese Jungs - Hut ab!"

Den Titel "Partykracher" müssen sich die Hosen übrigens mit den Donots teilen - auch wenn die Düsseldorfer noch echte Kracher abfeuerten. Die Ibbenbürener Band um die Knollmann-Brüder, die sich wie Peter Pan weigern, erwachsen zu werden, heizten "am frühen Morgen", gleich nach The Strypes, mächtig ein. Motto: "Bewegt euch".

Später als sonst

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