Pop-Oper im Stuttgarter Schauspielhaus

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Peer Oscar Musinowski als Kasimir.  Foto: 

Wir sehen Hunderte weißer Luftballons. Und eine Achterbahn, die verheißungsvoll rot leuchtet – mit wahnwitzigen Loopings, die im Nirgendwo enden. Bald erblicken wir auch fesche Wiesenbräute im Dirndl, von Männern gespielt. Ja, wir sind auf einer Grotesk-Variante des Oktoberfests. Da, wo Ödön von Horváths Volksstück von „Kasimir und Karoline“ (1932) erzählt.

Doch Regisseur Stefan Pucher macht von Anfang an deutlich: Diese Tragikomödie über zwei Menschen, die sich entfremden, spielt in gefährlicher Krisenzeit, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Dazu blendet er historische Doku-Filme und ein Zitat aus Alfred Döblins Zeitroman „Berlin Alexanderplatz“ (1929) ein: „Wir fahren in die Hölle mit Pauken und Trompeten.“

Nach Frank Castorf oder Sebastian Hartmann inszeniert mit Stefan Pucher eine weitere markante Regiegröße im Stuttgarter Schauspielhaus. Und weil Pucher immer wieder heutige Wahrnehmungsformen aufgreift und seine Stoffe mit Musik, Video und Performance aufbrezelt, gilt er als ausgewiesener „Popregisseur“.

Auch hier, bei Horváth, ergänzt er das fast ungekürzte Drama mit Fremdtexten, Live-Videos, Echtzeit-Musik und Film-Einspielern. So, dass es zwar nach wie vor ums Auseinanderdriften von Kasimir und Karoline geht, aber auch um die vorkatastrophischen Zeiten damals, um wirtschaftliche Nöte, um aufkeimenden Rechtsradikalismus – und um mögliche Parallelen zu heute. Das alles bringt Pucher unaufdringlich, aber unübersehbar ein. „Jetzt werden wir bald alle fliegen“: Karolines Eingangssatz ist bereits doppeldeutig, lässt sich auf den eben im Film zu sehenden Zeppelin beziehen, aber auch auf Entlassungen in der kriselnden Wirtschaft.

Der eben „abgebaute“, arbeitslose Chauffeur Kasimir ist bei Peer Oscar Musinowski ein Kerl Marke angry young man: aufbrausend, aber auch ratlos. Dagegen agiert seine unzufriedene Freundin Karoline, bei Manja Kuhl eine aufstiegsorientierte Bürofee, auch schon mal als Stangentänzerin, um den betuchten Herrn Kommerzienrat Rauch (Andreas Leupold) zu bezirzen, was prompt schiefgeht. Die Versöhnung mit Kasimir, die Pucher zeitgeistnah mit einem wechselseitigen „hey“ beginnen lässt, misslingt aber ebenfalls. So muss sich Karoline mit dem kreuzbraven Zuschneider Schürzinger begnügen, den Paul Grill als liebenswerte Schlaftablette spielt. Kasimir tröstet sich derweil mit Erna, die sich bei Sandra Gerling als düstere, wortgewaltige Revolutions-Predigerin entpuppt.

Das alles geht nur deshalb,  weil Pucher immer wieder Texte einschmuggelt, die dem Horváth-Drama noch ein paar Dimensionen hinzufügen – neben Döblin lässt sich auch Rousseau, Peter Weiss, Lion Feuchtwanger und Rolf-Dieter Brinkmann heraushören. Was Pucher nicht hinkriegt, ist die Verlorenheit der Horváthschen Figuren. Am Ende mutiert das Ganze, grundiert mit Hitler- und Goebbels-Filmen, gar zu einem dunklen Gangster­-Thriller. Aber sonst: große Oper, großes Kino, bilderstarkes Pop-Theater.

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