Pinas schwäbische Väter

Der Südwesten ein Mekka der Tanz-Avantgarde? Zu Zeiten der Weimarer Republik war das so. Was die Wilden 20er Jahre in Stuttgart mit Pina Bausch und Sasha Waltz zu tun haben, zeigt jetzt eine Ausstellung.

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  • Ida Herions Schülerinnen tanzen in den 20ern vor dem Teehaus eines Mäzens im Bopserwald bei Stuttgart. Foto: Arthur Ohler 1/2
    Ida Herions Schülerinnen tanzen in den 20ern vor dem Teehaus eines Mäzens im Bopserwald bei Stuttgart. Foto: Arthur Ohler
  • Oskar Schlemmer starb am 13. April 1943 in Baden-Baden. Foto: Keystone 2/2
    Oskar Schlemmer starb am 13. April 1943 in Baden-Baden. Foto: Keystone
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Wer Pina Bausch ist, wissen viele - spätestens seit Wim Wenders 2011 auf der Berlinale eine der ersten 3D-Dokumentationen über ihre weltberühmte Wuppertaler Tanzcompagnie gezeigt hat. Auch Sasha Waltz ist selbst Menschen ein Begriff, die mit modernem Ausdruckstanz so viel am Hut haben wie das landläufige Wildschwein mit einer Pirouette. Beide sind anerkannte Erneuerinnen des Tanztheaters, und beider Arbeit wäre ohne den deutschen Südwesten nicht denkbar. Das wissen die wenigsten.

Die Initiatoren des Stuttgarter Festivals "Tanzlokal" wollen diese Zusammenhänge am Wochenende aufzeigen. Indem sie etwa mittels Gesprächen mit Zeitzeugen und alten Filmaufnahmen, aber auch Neuinterpretationen von Choreografien und einer Ausstellung die Namen Ida Herion, Rudolf von Laban, Kurt Jooss, Mary Wigman und Oskar Schlemmer wieder übers Fachpublikum hinaus bekannt machen. Denn zu ihrer Zeit, während der Weimarer Republik und den Roaring Twenties, einer Zeit des Aufbruchs nach wilhelminischer Strenge und Industrialisierung, spielten diese Tanzpioniere in der Gesellschaft eine Rolle, die mit heutigen Fußballspielern zu vergleichen ist: Ganze Alben voller Zigarettenbilder sind erhalten, die sie zwischen anderen international bedeutenden Avantgarde-Tänzern zeigen.

Um herauszufinden, weshalb gerade Baden-Württemberg eine so große Bedeutung in der Entwicklung des Modern Dance hatte, vertieft sich Tanzhistorikerin Claudia Fleischle-Braun seit Jahren in die Archive und spricht mit Zeitzeugen. Nach Ida Herion, die in Stuttgart 1912 die erste dokumentierte Schule für modernen künstlerischen Tanz führte, begründete sich der Ruf der "Achse Stuttgart-Mannheim" als Tanz-Mekka vor allem mit der Ankunft des Bewegungsforschers Rudolf von Laban (1879-1958), erklärt die 62-Jährige aus Munderkingen. Der spätere Leiter des Balletts der Staatsoper Berlin und Mitbegründer des Trinity Laban Conservatoire in London, des ersten Konservatoriums, an dem eine Kombination aus Musik und Tanz studiert werden kann, war vom Monte Verità bei Ascona herab nach dem Ersten Weltkrieg zwar eher zufällig in Stuttgart gelandet - hier fand sich mit Seifert ein Verlag, der 1920 sein erstes Buch "Die Welt des Tänzers" publizierte.

Dennoch gebe es gute Gründe, weshalb gerade der Südwesten so fruchtbar für die Entwicklung des Modernen Tanzes war. "Stuttgart war nicht nur Verlagsstadt, es gab hier neben Oskar Schlemmer, Rudolf Steiner und dem Württembergischen Landestheater damals wie heute Neugier, Offenheit und eine gewisse finanzielle Kaufkraft", sagt Claudia Fleischle-Braun. "Wir waren mehr als brave Bürger. Da war schon eine große Lebenslust vorhanden. Es gab hier so eine kreative Virulenz", fügt Bea Kießlinger vom Verein TanzSzene Baden-Württemberg hinzu. "Dazu Variétés, Cafés, Weinstuben, da kamen Künstler gern hin" - wenn auch nur vorübergehend. Laban, Schöpfer von Tanzdramen wie "Der tanzende Trommelstock" (1913), fand auch rasch begabte Schüler. Kurt Jooss (1901-1979) aus Wasseralfingen bei Aalen etwa, der später die Essener Folkwangschule mitbegründete.

Doch beide zogen nach einigen Jahren weiter. Zuerst gen Hamburg, mit Beginn der Nazi-Zeit dann nach England. Sein Erbe im "Tanzland" Baden-Württemberg führten von Labans Schüler fort. Und die haben dann auch Pina Bausch und Sasha Waltz geprägt: Bausch studierte von 1955 an bei Kurt Jooss in Essen Tanz; Waltz machte erste Tanzschritte bei Waltraud Kohlhaas in Karlsruhe, die ihrerseits eine Schülerin der Mannheimer Laban-Schülerin Mary Wigman (1886-1973) war.

125 Jahre Oskar Schlemmer Drei Tage "Tanzlokal"
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