Pascha, Patriarch und Polizist

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Zeki Demirbilek ist Polizeikommissar in München im Sonderdezernat des Migra-Teams. Migra steht für Migrationshintergrund. Dort landen nur Fälle, bei denen Täter oder Opfer einen Migrationshintergrund haben. Ein solches Dezernat gibt es in der Realität nicht. Und auch Zeki Demirbilek, den seine deutschen Kollegen Kommissar Pascha nennen, ist nur eine Erfindung des Münchner Autors Su Turhan. Eine erfolgreiche: Der gebürtige Istanbuler mit deutschem Pass schreibt derzeit am sechsten Krimi. Am Donnerstag zeigt die ARD Paschas zweiten Fall: „Bierleichen“.

Im Buchhandel ist eben der fünfte Roman erschienen, „Ge­türkt“. Der Titel verät: Turhan hat jede Menge Selbstironie. Sein Protagonist hat keine Berührungsängste, liebt seine Heimat München ebenso wie seinen Geburtsort Istanbul, betet ebenso selbstverständlich gen Mekka wie er Weißbier und Schweinebraten schätzt. Verehrt die Frauen und zollt ihnen Respekt, wie er auch selbst Respekt einfordert. Ein bayrisch grantelnder Kauz mit Ecken und Kanten, mit einem großen Herzen für Familie und Freunde, der keinem Streit aus dem Weg geht – und sich je nach Situation aus beiden Kulturen bedient. Wenn seine Kollegen ihn Pascha nennen, dann schmunzelt Demirbilek, ignoriert den deutschen Subtext: War das nicht der Titel für den mächtigsten Beamten des osmanischen Reichs?

Anruf vom Verlag

Genau so einen Helden hatte sich Turhan ausbedungen, als ihn der Droemer Verlag vor fünf Jahren anrief und ihm vorschlug, Autor zu werden. „Ich weiß, das ist sehr ungewöhnlich. Normalerweise schicken Autoren ihre Manuskripte ein und handeln sich jede Menge Absagen ein. Aber bei mir war das eben anders. Warum das so war, hat mir der Verlag auch nie verraten.“

Ein denkbarer Grund: Turhan hatte damals nach mehreren preisgekrönten Kurzfilmen gerade seinen ersten Spielfilm „Ayla“ abgedreht. Die dramatische Liebesgeschichte bekam auf Festivals in New York und Siena den Publikumspreis, lief in Deutschland, der Türkei und Israel in den Kinos. Als der Anruf des Verlags kam, war Turhan auf dem Weg zu einem Festival in Indien. „Dort in Mumbai habe ich im Hotelzimmer in einer Nacht die Grundzüge meines Kommissars entwickelt“, erzählt Turhan, der seinem Ermittler auch viel Autobiografisches mitgegeben hat: Zeki ist der Vorname von Turhans Vater, Demirbilek der Mädchenname seiner Mutter. Der Kommissar ist im Istanbuler Stadtteil Fatih aufgewachsen, aus dem auch Turhans Familie stammt und in dem der Autor seine ersten beiden Lebensjahre verbrachte, bevor die Familie 1968 nach Deutschland zog, „um ein paar Jahre Deutsche Mark zu verdienen“. Daraus  wurden fünf Jahrzehnte, Su Turhan machte in Straubing sein Abitur, studierte Germanistik, arbeitete auch über Spannungsliteratur. Und wenn man ihn nach seinen Vorbildern als Krimi-Autor fragt, nennt er den Schweizer Altmeister Friedrich Glauser. „Sein ,Matto regiert’ ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher.“

Wie Glauser hat Turhan seine ganz eigenen Ansichten, wie ein Krimi aussehen muss: „Die Handlung eines Kriminalromans lässt sich in anderthalb Seiten gut und gerne erzählen. Der Rest – die übrigen hundertachtundneunzig Schreibmaschinenseiten – sind Füllsel“, postulierte Glauser. Doch diese Füllsel seien das eigentlich Wichtige. Und das sieht auch Turhan so: „Viele Freunde und auch Kritiker sagen zu mir: Du schreibst eigentlich Familienromane mit Krimihandlung.“ Der Münchner sieht sich dadurch kein bisschen missverstanden. Wenn auch die Familie des Patriarchen Kommissar Pascha ein wenig weiter gefasst ist, etwa seine geschiedene Frau ebenso einschließt wie die Mutter seines Enkels, die in seinem Dezernat arbeitet.

Großfamilie, Patriarch, Pascha. Su Turhans Romane erklären auch vieles, was den durchschnittlichen Westeuropäer im Umgang mit Türken – egal, mit welchem Pass – verunsichert. „Man sollte seine eigene Kultur nicht über die anderer stellen“, sagt Turhan. „Keine ist besser, sie sind einfach verschieden. Mich stört es doch auch nicht, wenn einer ein Kreuz um den Hals trägt“, sagt der Autor, der zwar als Muslim erzogen wurde, aber den Glauben nicht lebt. „Deshalb verstehe ich auch nicht, warum man türkischen Frauen das Tragen des Kopftuchs verbieten will. Das ist nicht unbedingt ein Zeichen der Unterdrückung. Ich kenne viele sehr selbstständige Frauen, die das Kopftuch aus Tradition tragen.“ Grundbedingung sei auch, dass Toleranz auf beiden Seiten herrsche. Deshalb habe er kein Verständnis dafür und sei irritiert darüber, wie derzeit türkischer Wahlkampf auf deutschem Boden veranstaltet werde.

Irritiert ist der Münchner aber auch darüber, wie sich seine Geburtsstadt Istanbul verändert. Diese einstmals freiheitliche, weltoffene  und pulsierende Stadt werde momentan regelrecht
re-islamisiert. Ob er dieses Jahr im Urlaub mit seiner Familie hinfahren wird, um seine Eltern zu besuchen, lässt Su Turhan derzeit auch noch offen.

Autor Su (Süleyman) Turhan wird 1966 in Istanbul geboren und kommt als Kind türkischer Gastarbeiter nach Deutschland. Nach dem Abitur in Straubing studiert er Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in München.

Film Schon während des Studiums arbeitet er als Aufnahmeleiter und Regieassistent für Film und Fernsehen, dreht eigene Kurzfilme. Turhans Spielfilmdebüt „Ayla“ lief in Deutschland, Türkei und Israel in den Kinos.

Bücher Su Turhans Romane erscheinen im Piper Verlag.

Fernsehen Die ARD zeigt „Bierleichen“ nach der gleichnamigen Romanvorlage Su Turhans am Donnerstag um 20.15 Uhr.

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