Osterfestspiele Salzburg mit Verdis Oper "Otello"

Mit einem noblen "Otello" in stilvollem Designer-Look bleiben die Osterfestspiele Salzburg ihrem Edel-Image treu. Schöne Stimmen, kühl inszeniert. Nur Christian Thielemann lässt die Musik heftig toben.

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Oper in stilvollem Designer-Look: José Cura als Otello und Dorothea Röschmann als Desdemona.  Foto: 

Langfristig wollen die Macher der Osterfestspiele Salzburg ein bisschen abrücken von dem Ruf, "das elitärste Festival der Welt" zu sein. Auch weg von der fatalen Optik, dass hier Opernkarten über 500 Euro kosteten. Der neue geschäftsführende Intendant Peter Ruzicka, der lange als Chef der Münchner Biennale die Avantgarde gefördert hat, wird künftig wohl mehr dramaturgische Schärfe bieten.

Im Jubiläumsjahr 2017 - 50 Jahre nach dem Start der Osterfestspiele mit Herbert von Karajans "Walküre" - will Ruzicka wieder die "Walküre" ins Programm rücken: neu inszeniert von Vera Nemirova, aber im historischen Bühnenbild von Günther Schneider-Siemssen von 1967. Überhaupt, 2017 werden die Osterfestspiele viel Prominenz auffahren: von Anja Kampe über Anja Harteros und Anna Prohaska bis hin zu Orgel-Superstar Cameron Carpenter. Selbst die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, die 2013 von Salzburg zur Konkurrenz nach Baden-Baden wechselten, dürfen gastweise aufspielen. Derweil wird Christian Thielemann wohl seinen Vertrag als künstlerischer Leiter der Osterfestspiele Salzburg um weitere drei Jahre verlängern. Die Gespräche seien, deutet Aufsichtsratsvorsitzende Sarah Wedl-Wilson an, "auf der Zielgeraden" angelangt.

Nun aber "Otello", das Prachtstück dieses Jahr: Regisseur Vincent Boussard erzählt die vorletzte Verdi-Oper, in der es um große Gefühle und extreme Eifersucht geht, in ruhigen, edlen, distanzierten Bildern. Selbst wenn Christian Thielemann im Orchestergraben Stürme tosen, Donner grollen und Blitze zucken lässt, deutet in der Regie Boussards nur eine zarte, sich im Wind bauschende Riesengardine an, dass da gerade "das Universum ächzt".

Genauso verhalten geht es weiter. Jago verkündet sein Credo des Bösen ("Ich glaube an einen grausamen Gott") eher brav denn furios funkelnd. Selbst Feldherr Otello schlurft in Zivil mit einer kantinenüblichen Kaffeetasse über die Bühne - das höchste der Gefühle, seine auflodernde Eifersucht auf die angeblich untreue Gattin Desdemona, ist dann der Moment, in dem er die Untertasse fallen lässt und erschüttert die Scherben einsammelt.

Es mutet fast so an, als ob die flaue, dekorative Regie von Vincent Boussard die heftige, abgrundtief tragische Handlung glattstreichen und besänftigen will. Um das Böse in dieser weitgehend überraschungsfreien Inszenierung greifbar zu machen, lässt Boussard immer wieder einen schwarzen Engel durchs Geschehen geistern.

Nur einmal lässt die Regie eine große Pappfassade einstürzen und stattdessen per Großvideo düstere Quellwolken aufziehen. Ansonsten schiebt sich oft eine Art Laufsteg in die Szene, auf dem das Personal die von Modeschöpfer Christian Lacroix kreierten, zeitlos chic gestylten Kostüme zur Geltung bringen kann. Stimmlich ist die Produktion festspielwürdig besetzt - obwohl im Vorfeld die für Otello und Jago geplanten, wegen Krankheit ausgefallenen Johan Botha und Dmitri Hvorostovsky ersetzt werden mussten. Dorothea Röschmann gibt ihrer in Weiß gewandeten Desdemona einen ausdrucksstarken Sopran, der explosive Kraft entfesseln, aber auch herzerweichendes Klage-Melos verströmen kann. Und José Cura überzeugt als Otello mit farbenreichem Tenor, fragiler Zartheit, aber auch feuriger Glut.

Dass Regisseur Vincent Boussard fast alle politischen und sozialen Implikationen des Stoffs ignoriert - Otello, der Feldherr, kämpft als Schwarzer auch mit seiner Außenseiter-Rolle -, war absehbar. Die umstrittene Bemalungspraxis ("Blackfacing") kam nicht in Frage, so dass sich der Salzburger Otello nur durch einen dezenten Militär-Mantel von der Umgebung abhebt.

Als Ausgleich zum ruhigen Bühnengeschehen lässt es Thielemann im Orchestergraben heftig brodeln und fauchen. Die szenischen Konturen zerfließen dagegen in schönem, unterkühltem Design. Richtig berühren kann hier nur das Ende, wenn Otello Desdemona ermordet - was die Regie mit einer zärtlichen, tödlichen Umarmungs-Szene bebildert. Fazit: Vereinzelte Buhs für die beiden Hauptdarsteller, ansonsten viel Beifall, nicht unbedingt feurig, aber anhaltend.

Programm 2017

Jubiläum Die Salzburger Osterfestspiele 2017 versuchen sich an einer Re-Kreation von Herbert von Karajans musiktheatralischer Vision der "Walküre" aus dem Jahre 1967 - samt Symposien und Begleitausstellung. Im musikalischen Rahmenprogramm für Neugierige gibt es Salvatore Sciarrinos zeitgenössische Kammeroper "Lohengrin". Und nicht nur die Sächsische Staatskapelle Dresden ist 2017 dabei, es stehen auch Gastkonzerte mit den Wiener und Berliner Philharmonikern an.

 

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