Oper Stuttgart: Spiel mir die Oper vom Tod

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Ein Mann gräbt sich so rast- wie kraftlos aus dem Bücherberg. „Mein Geist pocht weiter, und keine Worte kommen.“ Der Schriftsteller Gustav von Aschenbach steckt in der Schaffens-, ja in der Lebenskrise. Was könnte ihm helfen, die Seele zu erfrischen? Der Süden, Italien! Der selbstdiszi­plinierte Intellektuelle gönnt sich Leidenschaft. Und verfällt einem Jungen, einer göttlichen Erscheinung, einem Apoll. Auch seine Homosexualität hat Aschenbach unterdrückt, um die Form zu wahren, im wahrsten Sinne. Jetzt gibt er sich den Trieben hin, der verbotenen Liebe. Das befreit ihn, aber das bringt ihn auch um: „Der Tod in Venedig“.

Benjamin Britten verkomponierte die berühmte Novelle zur Oper, nur ein paar Jahre vor seinem eigenen Tod im Jahre 1976: sehr persönlich, sich mit Aschenbach mindestens so identifizierend wie Thomas Mann. Britten und die Librettistin  Myfanwy Piper komprimierten die Geschichte sehr exakt, erzählen sie in der Oper aber nicht aus der Perspektive Aschenbachs – sie zeigen ihn in seiner existenziellen Verzweiflung. Und das rein Schöne, Tadzio also (Gabriel Figueredo), der Aschenbach so sprachlos macht? Er bleibt tatächlich wortlos, zeigt nur den Körper, tanzt.

Alle Traumgestalten tanzen. Auch der statuenhaft vergoldete Apollon (David Moore) und die antiken Jünglinge (aus der John Cranko Schule) im olympischen Wettkampf, die mit geballtem Kitsch, mit aller Grazie, den Dichter bezaubern. Diese umjubelte Inszenierung der Oper Stuttgart läuft folgerichtig als Koproduktion mit dem Stuttgarter Ballett, dessen Hauschoreograf Demis Volpi souverän Regie führt.

Die morbide Serenissima, untermalt vom süß-schmerzhaft romantischen Adagietto aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie – das ist Luchino Viscontis Film. „Der Tod in Venedig“ klingt bei Britten anders: modern angeschärft, mit großem Schlagwerkeinsatz bis zum finalen Paradiesglöckchensound. Es ist eine fast kammerspielhaft gestische Musik mit regelrechten Rezitativen Aschenbachs: Ich-Reflexionen zu Klavieraufwallungen. Es sind keine von Wasser und Wind gegerbten, meerumtosten Klänge wie in den frühen Britten-Opern („Peter ­Grimes“), aber die Musik glüht auch mal expressiv, wenn Aschenbach die Gefühle durchgehen. Kirill Karabits findet mit dem Staatsorchester dafür stets den richtigen Tonfall, malt mit seinen Protagonisten und dem Chor ein deutlich konturiertes Drama.

Das pittoreske Venedig – das haben Volpi und seine Ausstattungskünstlerin Katharina Schlipf gestrichen. In einer abstrakten Raumlandschaft aus hell bühnenhohen Schattenspiel-Wänden und Verspiegelungen zeigen sie andere starke Bilder: nämlich aus der Seele Aschenbachs. Es ist die psychopathologische Szenerie eines Schriftstellers, in dessen Kopf sich sichtbar der Kampf zwischen Leidenschaft und Vernunft abspielt. Und Dionysos gewinnt.

Auch diesen berauschenden Gott verkörpert der Bariton Georg Nigl furios, wie eine ganze Reihe von Figuren, vom Reisenden, dem Gondoliere, dem Hotelmanager bis eben zu jenem Gott der Ekstase, der zunächst Apollon übertrumpft und ihm danach die Goldfarbe abschminkt. Diese vielgestaltige Figur also ist der Gegenspieler Aschenbachs, ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse schafft: ein Mephisto, das andere Ich des faustischen Aschenbach. Ja, gewiss, Volpi demonstriert das klar: Der alternde Dichter sucht die ewige Jugend, geht einen teuflischen Pakt ein.

Ovationen nach der Premiere

Das klingt etwas kompliziert, nach viel Kunstwollen, aber erstens choreografiert Volpi so klar wie emotional. Und zweitens singt und spielt Matthias Klink den Aschenbach grandios: sehr menschlich angreifend, mit kraftvollem Charaktertenor wie mit heftig darstellerischer Hingabe. Aschenbach versucht immer wieder, mit Tadzio zu kommunizieren, über diese Brücke zu einer ganz anderen Welt zu gelangen:  tanzend. Der Dichter in einer ganz neuen Sprache. Das gelingt Klink faszinierend. Es ist ein sich selbst Verlieren: im verseuchten Venedig, in der eigenen Krankheit. Am Ende aber küsst dieser Mephisto den Gequälten wach. Und Aschenbach steht auf und verbeugt sich: Spiel mir die Oper vom Tod! Ovationen.

Späte Erstaufführung Im Jahre 1973, zwei Jahre nachdem Luchino Viscontis Spielfilm „Der Tod in Venedig“ Kino-Premiere hatte, kam Benjamin Brittens Oper beim Aldeburgh Festival in der englischen Grafschaft Suffolk zur Uraufführung. In Stuttgart war für die Saison 1975/1976 die deutsche Erstaufführung geplant, doch nach dem Tod des Tenors Wolfgang Windgassens, der den Aschenbach singen sollte, wurde „Albert Herring“ gespielt. Das war bis heute die letzte Britten-Oper auf dem Stuttgarter Spielplan. „Der Tod in Venedig“ ist in dieser Saison noch am 11., 14., 18. und 25. Mai, am 5. und 18. Juni sowie am 7. und 19. Juli zu sehen. Karten: Telefon 0711/202090.

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