„Lulu“: Stark in der Manege

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Du hast eine halbe Million geheiratet!“, erinnert Dr. Schön den Maler – und meint das Mädchen Mignon, das er in der Gosse aufgelesen hat und immer wieder gewinnbringend verkuppelt, um ihr nicht selbst als Liebhaber zu verfallen. Eine gute, eine mörderische Partie. Ein Medizinalrat hatte sie auch mal im Besitz, bis zu seinem Herzinfarkt – er nannte sie Nelly. Jetzt ist der Maler dran und verkehrt mit Eva, seinem Ur-Weib. Aber immer ist es Lulu.

Sie trägt eigentlich keinen Namen, die Männer, die dieses verführerische Wesen begehren, rufen sie wie einen Hund, für den man einen Namen erfindet. „Ich heiße seit Menschengedenken nicht mehr Lulu“, erschaudert diese Projektionsfläche der Männerfantasien. Jetzt sei sie ja nur  mehr . . . ein Tier. Eine Schlange mit tödlichem Gift.

Dieses Tier tritt in der Manege auf – wie andere Kreaturen der bürgerlichen Gesellschaft. Keinen Naturalismus hatte Frank Wedekind um 1900 in seinen Tragödien „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ mehr zeigen wollen,  sondern die Triebhaftigkeit des Menschen. Alban Bergs Oper  „Lulu“ beginnt entsprechend mit dem Tierbändiger, der das Publikum einlädt, „mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen“ das wahre Tier zu schauen. Und der Ulmer Operndirektor Matthias Kaiser nimmt das alles wörtlich in seiner Inszenierung. Detlev Beau­jean hat dafür eine grandiose Kulisse gebaut: Auf der Bühne sitzt echtes Publikum auf zwei kleinen Tribünen um eine Manege herum, rote und schwarze Stoffbahnen sind kuppelartig hinausgespannt in die Ränge des Zuschauerraums. Das Große Haus als Zirkuszelt.

Eine kunstvolle Opern-Dressur bietet Kaiser darin: die „Lulu“ nicht als heutiges Sozialdrama, nicht als blutigen Thriller, sondern als ästhetisches Spiel mit der rot leuchtenden Lulu unter weiß kostümierten Verehrern. Sehr artifiziell, aber sinnhaft. Und zu bewundern ist eine Gesangsartistin: Maria Rosendorfsky glänzt in der Riesenpartie mit virtuoser Technik, hellen Extremtönen. Sie ist weniger die Femme fatale als die  naive, verletzbare junge Frau; eher die  natürliche Schöne als die Verruchte.

Konkret und doch allegorisch versteht Kaiser das Bestiarium: Tänzerinnen und Tänzer doubeln die Akteure, vor allem Beatrice Panero als züngelnde Schlange die Lulu. Angela C. Schuett hat Tier-Masken dazu entworfen: so eine Art Fahrradhelm in Skelettform, ein Krokodil-Gebiss etwa begleitet die Gräfin Geschwitz.

Ballett mit Tiermasken

Der Mehrwert der Ballett-Verdopplung macht sich erst im sinfonischen Nachspiel bemerkbar. Das Theater zeigt die „Lulu“ in zwei Akten, in der Fragmentfassung mit dem ergreifenden Adagio aus der „Lulu-Suite“. Der Ausdruckstanz also muss das Stück wortlos zu Ende bringen: den Tod der zur Straßenhure verkommenen Lulu zeigen. Diese sehnt fatalistisch ihren Lustmörder herbei, den sich in Jack the Ripper verwandelnden Dr. Schön.

Selbstverständlich wäre der ausgespielte 3. Akt (in der von Friedrich Cerha 1979 komplettierten Fassung) dramaturgisch schlüssiger. Das Theater Ulm, dem freilich schon mit dieser „Lulu“-Version eine Großtat gelungen ist, hat nicht zuletzt aus produktionstechnischen Gründen darauf verzichtet. Es bleibt gewissermaßen bei der pantomimischen Psychoanalyse (Choreografie Roberto Scafati), die vom Opfer Lulu erzählt, sie rückt eine ins Bett gekreuzigte Märtyrerin und den Mord ins Bild. „Lulu, mein Engel!“, singt I Chiao Shih dann hoch emotional als Gräfin Geschwitz – das packt.

Eine Zirkuskapelle sitzt wirklich nicht im Graben, „Lulu“, das ist ein Hauptwerk des 20. Jahrhunderts, eine komplexe Zwölftonmusik, aber keine kalte Konstruktion. So kunstvoll Berg seine Partitur ausformulierte, um das Leid in moderne Töne zu gießen, uu hören ist  kammermusikalische Empfindsamkeit. Neben verstörender Atonalität blühen Kantilenen auf. Großes Kompliment an Timo Handschuh und die Philharmoniker, ihnen gelang eine beeindruckende, so sensible wie technisch feine Premiere. Ausgezeichnet sang das Ensemble: darunter Tomasz Kaluzny als Dr. Schön, Michael Gniffke als Alwa, Johannes Grau als Maler, J. Emanuel Pichler als Schigolch und Martin Gäbler als Tierbändiger.

Die musikalische Moderne war am Theater Ulm schon mal stärker auf dem Spielplan vertreten. Mit dieser „Lulu“ aber zeigt das Haus, was es kann. Wer ein offenes Ohr hat fürs Musiktheater, sollte sich diesen außergewöhnlichen Zirkusbesuch unbedingt vornehmen.

Aufführungen Das Theater Ulm zeigt Alban Bergs 1937 uraufgeführte Oper „Lulu“ wieder morgen, Sonntag (14 Uhr), sowie am  16., 22. und 26. Februar; am 3., 7., 10. und 17. März, am 1., 12., 15. und 30. April. Gespielt wird die Fassung in zwei Akten mit sinfonischem Nachspiel (Dauer: zweieinhalb Stunden mit Pause). Karten: Telefon 0731/161-4444 und im Internet unter www.theater.ulm.de

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