Nick Cave in München: Tobend vor Trauer, stark im Schmerz

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Erst ernst, dann wütend, zart und verzweifelt: Nick Cave dekliniert im Zenith die Phasen der Trauerarbeit durch.  Foto: 

Erst scheint alles wie immer: Nick Cave schlendert im schmalen Maßanzug auf die Bühne, hebt die Hand zum Gruß, setzt sich auf den vor seinem Flügel und den sechs Musikern der Bad Seeds bereitstehenden Hocker mit Notenständer und beginnt, eindringlich ernst, seinen tiefen Sprechgesang. Übers Große und Ganze, „Anthrocene“, das Zeitalter des Menschen. All the fine winds gone and this sweet ­world­ is so much older – ohne eine angenehme Brise scheint diese süße Welt so viel älter. Jedoch: It’s alright, it’s alright.

Es ist in Ordnung. Wirklich? Aber nein. Nicht nur die Orgeln, Percussions, Drums, Stromgitarren und Geigen der ihn seit 34 Jahren wunderbar ergänzenden Band dröhnen und flackern im Hintergrund  über Stücke der 2016 erschienenen Platte „Skeleton Tree“ und den schon als Klassiker erscheinenden, auf 14 Minuten ausufernden „Higgs Boson Blues“ hinweg zunehmend bedrohlich. Auch der Massenbeschwörer Cave bricht bald schon aus dem friedlichen Bild aus, wie er sich da auf einem schmalen Band direkt am Publikum die Hände der Fans greifend und teilweise haltend ins Dunkel des Münchner Zeniths hinauslehnt. Can you feel my heart beat? Boom, boom, boom!

Stahlhart hämmert das Schlagzeug. Das zehnminütige „From Her To Eternity“ gipfelt im wilden Noise-Jam. Und der Sänger braust nun endgültig los wie kurz darauf der Sturm in den Visuals zu „Tupelo“. Tanzend mutet Cave an wie einer von Robert Longos „Men in the city“. Er kniet nieder, tobt, tritt den Notenständer weg, das aufgeknöpfte hellblaue Hemd bis zum Nabel hinab schweißnass. Doch treibt er Band wie Bewunderer weiter peitschend an: Come on, come on, come on!

Nichts ist gut

Es ist nicht wie immer. Und nichts ist gut. Kann es nicht sein, nach jenem 14. Juli 2015, an dem der 15-jährige Sohn des aus Australien stammenden und seit bald 40 Jahren in Europa lebenden Musikers von einem ersten Drogenexperiment benebelt vom Fels nahe seines Elternhauses im britischen Brighton in den Tod gestürzt ist.

Nick Cave hat danach zwar mit seinen Bad Seeds „Skeleton Tree“ vollendet und sogar einen sehr persönlichen Film über sich drehen lassen, dann aber eine längere Tourpause eingelegt. Bis heute spricht er öffentlich nur zurückhaltend über dieses Unglück.

Dass der 60-Jährige auf dieser Tour seine Trauer verarbeitet, das manifestiert sich an diesem intensiven Donnerstagabend in der ausverkauften ehemaligen Eisenbahnwerkshalle. Nicht nur startet er lange nicht so pünktlich wie im Mai vor zwei Jahren beim Konzert in der bestuhlten Stuttgarter Liederhalle. Fast eine dreiviertel Stunde lässt der Ex-Post-Punker die rund 5000 Fans diesmal warten. Doch dann wendet er sich den Konzertbesuchern auffallend zu, interagiert ungewohnt intensiv, bedankt sich ein ums andere Mal auch auf Deutsch, lässt sich ein. Vom entnervt-ungläubigen „Fuck!“, als eine Frau nach seinen differenzierten, poetischen, sensiblen Betrachtungen über Leben und Tod zu Beginn des fast zweistündigen Sets lautstark ihren Wunsch nach Tanzen kundtut. Über den „Weeping Song“, den er inmitten der ihn euphorisch feiernden Menge zelebriert. Bis hin zur finalen Love-Parade-artigen Massenparty mit etwa 100 Fans auf der Bühne. Die Szene mit den jubelnd kreischenden, nach ihm greifenden Fans vorn und hinten scheint erst bizarr. Doch er wirkt inmitten des Trubels so zutiefst verloren, verletzlich und traurig, dass sie bei allem offen ausgelebten Pathos einfach nur berührt.

„Push The Sky Away“ vom gleichnamigen Vorgänger-Album hatte Cave schon 2015 ans Ende des Zugabenblocks gesetzt. Auch, dass er und seine Bad Seeds ihre Klassiker auf jeder Tour neu interpretieren, ist man gewohnt. Aber „wie immer“ trifft’s dennoch wieder nicht. Denn wer hätte gedacht, dass diese selbstbewussten finalen Zeilen nurmehr geflüstert so verzweifelt klingen können? Some people say it’s just rock and roll, but it gets you right down to your soul. Nick Caves Stimme zittert. Nachdem er den Schmerz rausgebrüllt hat, scheint er nun innerlich zu weinen. Und wirkt dabei so stark. Das kann nur er.

Preisgekrönt Der vollbärtige, langhaarige Multiinstrumentalist Warren Elllis, aus Australien stammend wie Nick Cave und heute in Paris lebend, gehört seit 1995 zu dessen 1983 gegründeter Band The Bad Seeds. Der 52-Jährige ist seitdem zu einem entscheidenden Partner von Cave geworden. Gleichermaßen erdend wie inspirierend. Zusammen schrieben sie etliche Film­scores und spielten bis 2011 zudem im Nebenprojekt Grinderman. Ellis erhielt 2016 für den Sound­track zu „Mustang“ den Filmpreis César. Von ihm stammt auch die Musik zum aktuellen Film-Biopic „Django“. cli

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Kommentare

04.11.2017 12:43 Uhr

bestenfalls langweilig

Nach endlos langer Warterei langweilt Cave erst mal 45 Minuten lang mit lahmen Songs aus der letzen Album. Erst mit From her to eternity ein erstes Lebenszeichen, doch schon mit der steifbeinigen Version von Tupelo, die einfach nicht aus den Startlöchern kommt ist der Spaß schon wieder vorbei. Kein Groove, kein Blues nur langweiliger Lärm. The king was born in Tupelo singt Cave - der arme King. Am besten noch Nick Cave allein am Piano, hier kommt der Schmerz rüber. Sobald die Band allerdings mit ungelenken Arrangements einsteigt, muß man schon Fan sein um nicht gleich zu gehen. Tiefpunkt des Abends das peinlich-schmalzige Video-Duett von Distant Sky vom letzten Album. Da helfen auch ganz anständige Versionen von alten Hits wie z.B. Right red hand den Abend nicht mehr - "schad uns Geld"

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