Nach dem Kahlschlag-Plenum war Kritik nicht mehr erlaubt

Kritik war nicht mehr erlaubt. Vor 50 Jahren beschloss die DDR-Führung auf ihrem berüchtigten 11. Plenum einen beispiellosen Kultur-Kahlschlag.

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Manfred Krug im DDR-Spielfilm "Spur der Steine".  Foto: 

Ihre Filme wurden verboten, ihre Bücher verbannt, ihre Auftritte untersagt. Vor 50 Jahren begann mit dem "Kahlschlag"-Plenum der SED-Führung eine beispiellose Unterdrückung der DDR-Künstler. Regisseure, Schriftsteller, Musiker und Theatermacher waren von der neuen Eiszeit in der Kulturpolitik betroffen. "Nihilismus", "Pornografie" und "Skeptizismus" warfen die Hardliner um Erich Honecker den Kulturschaffenden vor.

Zu den prominentesten Opfern gehörte Regisseur Kurt Maetzig, der mit seinem Liebesdrama "Das Kaninchen bin ich" in Ungnade fiel. Er erzählt von einem Mädchen, das nicht studieren darf, weil sein Bruder wegen "staatsgefährdender Hetze" im Gefängnis sitzt. Die junge Frau verliebt sich dann unwissentlich in den Richter, der für das harte Urteil verantwortlich ist und entlarvt den Mann als feigen Opportunisten.

Die rigide Kulturpolitik hatte auch Folgen für Regisseur Frank Beyer. Sein mit Manfred Krug besetzter Film "Spur der Steine" über den Konflikt zwischen einer Bauarbeiter-Brigade und einem Parteisekretär wurde 1966 nach nur wenigen Aufführungen verboten. Einer der vielen Keller- oder Regalfilme, die statt auf die Leinwand zu kommen in den Tiefen des Archivs verschwanden. Beyer erhielt "Hausverbot" bei der DEFA. Erst nach der Wende konnte "Spur der Steine" wieder im Kino gezeigt werden.

Beyer erinnerte sich nach dem Mauerfall an die damaligen Drohungen der Partei: "Wer die Hand gegen die Arbeiterklasse erhebt, dem wird sie abgehauen." Der Filmemacher kommentierte das 1991 so: "Wir haben doch nur den kleinen Finger erhoben zu einer Wortmeldung." Den Künstlern wurde vorgeworfen, die Realität falsch, zu kritisch und schwarzseherisch darzustellen. "Nihilistisch war jede Positionierung, die sich nicht der ideologischen Anleitung durch die Partei unterwarf", sagt der Autor Marcus Heumann, der das Kahlschlag-Plenum erforscht hat.

Auch für Musiker begann eine Eiszeit. "Im Prinzip hat das 11. Plenum die gesamte, noch relativ junge Beat-Szene der DDR auf einen Schlag ins Jenseits befördert", sagt Heumann. "Alle Bands, die englische Texte sangen, wurden rundweg verboten. Es wurden auch böse Tricks angewandt. Die Amateurmusiker haben dann einfach alle ihren Einberufungsbefehl bekommen - an möglichst weit entfernt und weit auseinanderliegende Orte. Damit waren die Bands erledigt. Zudem wurde ein Musikerberufsausweis eingeführt. Jeder, der in der DDR eine Bühne betreten wollte, musste vor einer staatlichen Kommission ein Probevorspiel ablegen."

Die Schriftstellerin Christa Wolf saß damals als ZK-Kandidatin in der "Kahlschlag"-Sitzung - und hielt dagegen, forderte Freiheit für die Kultur. Kunst sei nun einmal nicht möglich ohne Wagnis. Ein mutiger Auftritt. "Sie war die Einzige, die mahnende Worte gegen diesen sich abzeichnenden Kulturkampf gesprochen hat", sagt Heumann.

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