Mutiger, einsamer Freigeist

Kunst muss politisch sein, sagt der saudi-arabische Künstler Ahmed Mater. Der Freund des inhaftierten Lyrikers Ashraf Fayadh weiß, dass die Spielräume klein sind. Doch er ist nicht der Einzige, der Bewegung fordert.

|
Der saudische Künstler Ahmed Mater in seinem Atelier vor einem Bilderzyklus seines Freundes Ashraf Fayadh, der als Lyriker wegen Gotteslästerung zu acht Jahren Haft verurteilt wurde.  Foto: 

Der Bilderzyklus an der Wand ist ein stummer Protest. "Das bin ich ihm schuldig", sagt Ahmed Mater. "Er ist mein Freund - und das schon seit langer Zeit." Demonstrativ hat er in seinem Studio in der saudischen Hafenstadt Dschidda zehn Werke von Ashraf Fayadh aufgehängt, dessen Schicksal im vergangenen November rund um den Globus Schlagzeilen machte. Damals wurde der Lyriker von einem Scharia-Gericht wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt, eine Strafe, die drei Monate später in acht Jahre Gefängnis und 800 Rutenhiebe umgewandelt wurde.

Vor seiner Haft war der staatenlose Palästinenser Mitglied der Initiative "Edge of Arabia" und Kurator des saudischen Pavillons 2013 auf der Biennale in Venedig, die die saudische Gegenwartskunst international bekannt gemacht hat. An diesem Erfolg beteiligt ist der 36-jährige Ahmed Mater, der inzwischen als einer der wichtigsten Künstler der arabischen Halbinsel gilt.

Doch die Mächtigen im Königreich dulden keinen Widerspruch. Sie sind nervös und unsicher. Die meisten Kritiker sitzen zu langen Strafen verurteilt hinter Gittern. Das Land führt einen katastrophalen, teuren Krieg im Jemen. Im Haushalt klaffen seit dem Ölpreisverfall Riesenlöcher. An den Grenzen stehen die Dschihadisten des "IS". Im Inneren rumort es bei der schiitischen Minderheit, und international bläst dem erzkonservativen Königreich wegen seiner Frauen- und Menschenrechtspolitik der Wind ins Gesicht.

Ahmed Maters Studio im Stadtteil Al-Rawdah ist ein offenes Haus. Den ganzen Tag herrscht ein Kommen und Gehen. In der Bibliothek dürfen sich Besucher bedienen, wenn sie im Austausch ein anderes Buch dalassen. In einem der hohen Regale liegt noch seine alte Gasmaske. Im letzten Jemenkrieg 2010 war der Künstler als Feldarzt an der Front. Den verrosteten Helm daneben hat er auf dem Schlachtfeld nahe der Grenze gefunden, auf dem schon damals hunderte saudische Soldaten im Kampf gegen die Huthi-Rebellen ihr Leben verloren. Seit einem Jahr führt Saudi-Arabien wieder Krieg, diesmal ist Mater nicht dabei. Den weißen Kittel hat er an den Nagel gehängt, um sich der Kunst zu widmen. Von dem früheren Teil seines Lebens zeugen nur die Biologie- und Medizinbücher, inmitten der Bildbände über Kalligrafie und Mekka, Kunst und Architektur, Fotografie und Film.

Aufgewachsen in dem kleinen Dorf Rijal Alma nahe der Grenze zum Jemen, wo die Landschaften bergig und saftig grün sind, treibt ihn vor allem die fragwürdige, rasante Modernisierung seiner Heimat durch den Ölboom um. "Die Vergangenheit wird ausradiert, die Tradition zu Schutt gemacht, die Grundstücke werden verspekuliert", sagt er. Bekannt wurde er mit der Serie "Evolution des Menschen", bei der sich auf Röntgenbildern eine Tanksäule mit Zapfpistole schrittweise in einen menschlichen Torso mit Pistole am Kopf verwandelt. Heute sammelt er in seinem Atelier alte Türen mit farbigen Gläsern, die aus Abrisshäusern stammen. Eine Collage aus diesen Fundstücken ist momentan auf der Biennale in Marrakesch zu sehen. Im Mai erscheint in der Schweiz Maters Herzensprojekt, seine Fotodokumentation "Desert of Pharan" über die Kommerzialisierung von Mekka zu einem Giga-Zentrum des frommen Massentourismus.

Auf den Fotos zu sehen sind Zapfsäulen mit eingelassenen Videoscreens, auf denen bärtige Salafisten zu den Spritkunden predigen. Oder sie zeigen die neuen Superluxus-Suiten mit Blick auf die Kabaa, von denen aus Betuchte den Hadsch für 3000 Dollar die Nacht verfolgen können. Das religiöse Gedächtnis werde ausradiert und das spirituelle Zentrum der islamischen Welt zerstört, bilanziert der Künstler. "Das alles ist das Werk von zehn Jahren - weniger als einer Generation. Diese Leute wissen nicht, was sie tun", fügt er hinzu und meint vor allem das Königshaus, dessen ehrgeizige Stadtplaner sowie den Bin-Laden-Konzern, der seit den Anfängen des modernen Saudi-Arabiens faktisch das Baumonopol in der Heiligen Stadt hat.

Mater weiß, dass ihn seine Kritik in Schwierigkeiten bringen kann. Doch Kunst sei nicht dazu da, die Reichen zu belustigen. "Kunst muss politisch sein und politische Veränderungen bewirken", hält er dagegen, obwohl er die engen Spielräume in seiner Heimat kennt. "Wir Künstler müssen uns kritischer als bisher mit dem sozialen Leben auseinandersetzen und in der Gesellschaft Diskussionen anstoßen."

So denken auch die 15 jungen saudischen Untergrundkünstler, die dieser Tage ihre Werke auf zwei Etagen eines staubigen Rohbaus im Stadtteil Tahlia von Dschidda zeigen. Allen jungen Frauen und Männern hier gehen die Entwicklungen in ihrer Heimat viel zu langsam. "Arabi/Gharbi" nennt Nasser Al-Salem seine Installation aus grünen Leuchtbuchstaben. In der arabischen Schrift unterscheiden sich die Worte "Arabisch" und "Westlich" lediglich durch einen winzigen Punkt, den Al-Salem an der kahlen Betonwand permanent blinken lässt.

"Diese Kategorien der älteren Generation verschwimmen, wir brauchen sie nicht mehr", sagen die Jungen, von denen mehr als hunderttausend mit Regierungsstipendien im westlichen Ausland studierten. "Das wichtigste Ziel für uns ist die freie Meinungsäußerung", unterstreicht der 30-jährige Ramy Alquthamy, der zusammen mit Al-Salem diese neue rebellische Künstlerbewegung "Alhangar" organisiert. "Wir Jungen sind die Mehrheit. Wir werden das Land bald übernehmen - und die Älteren müssen uns die Türen öffnen." Nicht nur im Inneren wächst der Druck. Hunderte Künstler und Menschenrechtsorganisationen haben bei der saudischen Führung gegen die acht Jahre Gefängnis von Ashraf Fayadh protestiert, wenn auch ohne Erfolg. Sein Freund und Weggefährte Ahmed Mater will in Saudi-Arabien keine Ausstellung mehr machen, solange der Lyriker im Gefängnis sitzt. Ob das einen der Mächtigen kratzt, weiß er nicht. "Doch das ist mein Statement", sagt er.

Ausstellungen vom 23. März 2016

Maters Werke Eine Collage von Ahmed Mater ist bis 8. Mai auf der Biennale in Marrakesch zu sehen. Jüngst eröffnete seine Ausstellung "Symbolic Cities" in der Arthur M. Sackler Gallery des Smithsonian Museums in Washington. Ab Ende April ist er in der Schau "But a Storm Is Blowing from Paradise" im New Yorker Guggenheim-Museum vertreten. Im Mai erscheint bei Lars Müller Publishers Maters Fotodokumentation "Desert of Pharan" über die totale Kommerzialisierung von Mekka.

 

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Mordprozess: Lebenslang für den Beifahrer, neun Jahre für den Fahrer

Im Hechinger Mordprozess wurden am Mittwochvormittag die Urteile gesprochen. Der Beifahrer im Tatfahrzeug bekommt lebenslang, der Fahrer neun Jahre Jugendstrafe. weiter lesen