Musik darf keine Insel sein

Rastloses Genie, Hansdampf der Klassik: Kaum ein Künstler ist so vielseitig wie Daniel Barenboim. Ob als Dirigent, Pianist oder als politischer Mensch. Heute wird der in Argentinien geborene Israeli 70.

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  • Daniel Barenboim ist mehr als Pianist und Dirigent, er ist auch Pädagoge und Politiker. Foto: dpa 1/2
    Daniel Barenboim ist mehr als Pianist und Dirigent, er ist auch Pädagoge und Politiker. Foto: dpa
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    Berührend: der Mitschnitt eines Konzerts in Ramallah.
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Maestro, Sie feiern nun einen runden Geburtstag. . .

DANIEL BARENBOIM: Ich habe nicht das Gefühl, dass es ein runder Geburtstag ist. Ich bin relativ ehrlich, was das betrifft. Manche machen sich ein bisschen jünger. Das ist nicht meine Sache. Ich fühle mich allerdings nicht mehr wie 28 - also muss ich 29 sein. Nein, im Ernst: Ich will gesund bleiben und kein Pflegefall werden. Und einen klaren Kopf behalten, damit man später nach einem Konzert von mir nicht sagt: Ja, es war sehr schön, aber du hättest ihn vor zehn Jahren hören sollen. . ."

An Ihrem Geburtstag spielen Sie in der Berliner Philharmonie Klavier, Ihr Freund Zubin Mehta dirigiert die Staatskapelle Berlin. Andere Menschen gehen am Geburtstag feiern.

BARENBOIM: Ich feiere ja auch - danach. Aber Musizieren ist für mich das größte Vergnügen: Ich schenke mir ein Konzert, der Erlös geht an den Musikkindergarten, den wir in Berlin betreiben. Seitdem ich vierzig bin, spiele ich alle zehn Jahre an meinen runden Geburtstagen mit Zubin Mehta. Und auch an seinen.

Wussten Sie mit zehn, dass Sie Pianist und Dirigent werden wollten?

BARENBOIM: Nein, so etwas weiß man in dem Alter nicht. Ich wusste nur, dass ich in und mit der Musik leben wollte, aber zwischen Wollen und Können ist noch eine weite Strecke. Die Frage stellte sich mir erst mit 17.

Also waren Sie mit zehn ein ganz normales Kind. . .

BARENBOIM: Ich führte ein Doppelleben. Wenn ich aufstand, war ich eine Dreiviertelstunde erwachsen und habe Klavier geübt. Dann ging ich in die Schule und war wieder Kind. Nachmittags habe ich geübt und danach Fußball auf der Straße gespielt. Meine Mutter hat mich um halb sechs vom Balkon gerufen, ich solle hochkommen, duschen und ein Konzert spielen oder in ein Konzert gehen.

Vom Fußballspiel zu Beethoven. . .

BARENBOIM: Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich so trainiert haben, dass ich mich sofort auf eine Sache konzentrieren kann. Viele Musiker brauchen viel Zeit dafür. Das geht bei mir ohne Vorbereitung.

Die Entscheidung für die Musik . . .

BARENBOIM: . . . ging bei mir ganz natürlich und automatisch. Mit zehn hatte ich ja bereits in Wien, Rom und Tel Aviv gespielt, später in Paris, London und New York. Mit 17 war ich auf einer Tournee in Südamerika. Ich erinnere mich noch genau, wie ich in Brasilien ein Schubert-Impromptu übte, die Finger liefen nicht so wie ich es wollte. Da wurde ich sehr ungeduldig und habe mir gesagt, entweder die Finger laufen oder sie laufen nicht. Es klingt vielleicht melodramatisch, immerhin hatte ich in dem Alter bereits alle Beethoven-Sonaten gespielt. Aber in dem Augenblick wurde für mich klar: Ich will nur das machen. Es war der Moment, den ich heute im Rückblick als Zeitpunkt für die Ablehnung der Zweifel sehe.

Und seitdem haben Sie auch kein Lampenfieber mehr?

BARENBOIM: Doch, aber ich zweifle nicht. Und außerdem: Was hätte ich sonst machen sollen? Mich hat aber damals schon gestört, dass viele Musiker sich im Elfenbeinturm fühlten. Artur Rubinstein sagte, er habe viele Freunde auf der Welt, aber keine Pianisten darunter. Denn die hätten nur ein Buch: das Telefonbuch. Heute würde er sagen: Und nicht einmal das, sondern nur das Internet.

Was stört Sie an Spezialisten?

BARENBOIM: Mein Freund Edward Said sagte, ein Spezialist ist einer, der mehr und mehr über weniger und weniger weiß. In meiner Kindheit gab es wunderbare Hals-, Ohren- und Nasenärzte. Heute hat man Fachleute nur fürs linke Ohr.

In der Musik auch?

BARENBOIM: Musik wird nicht mehr als Teil der Kultur eines Menschen gesehen. Man lernt Mathematik, Erdkunde, Biologie, aber keine Musik mehr in der Schule. Politiker meinen, das sei zu teuer - und nutzlos. Da fällt da immer das Beispiel Hitler, der Millionen Menschen umbringen ließ und mörderische Entscheidungen traf, aber zu Tränen gerührt war beim "Lohengrin" in Bayreuth. Dem antworte ich: Wer die Werte der Musik versteht, kann kein Massenmörder sein.

Das klingt sehr optimistisch.

BARENBOIM: Wir müssen eine Verbindung zwischen der Musik und dem realen Leben schaffen. Musik muss organischer Teil des Lebens sein, keine Insel.

Also darf Musik nicht entspannen?

BARENBOIM: Ja, klar, das darf sie auch. Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach Hause, haben Zahnschmerzen oder waren beim Steuerberater oder hatten Krach mit Ihrem Partner. Da legen Sie sich ein Nocturne von Chopin auf. Das ist nicht weiter schlimm. Aber Musik ist doch viel mehr als das.

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