Moving Rhizomes im Stadthaus: Tiefgreifendes spielerisch serviert

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Tanz in der Box: Giulia Insinna, Dan Glazer, Lorenzo Ruta und Richard Oberscheven (von links) von den Moving Rhizomes.  Foto: 

Das sei „so ein Hybrid-­Dings“, warnt eine Besucherin ihren Begleiter, als sie in der Schlange vor der Treppe im Stadthaus auf Einlass in den Saal warten. Dort zeigen die Moving Rhizomes an drei aufeinanderfolgenden Abenden je zwei Mal ihre Performance „What Makes Us Human?“ – eine Mischung aus Tanz, Musik und Schauspiel, erklärt die junge Frau ihrem Freund. „Nur dass Du nachher nicht geschockt bist.“

Geschockt zeigt sich knapp eineinhalb Stunden später keiner. Auch wenn das multidisziplinäre Künstlerkollektiv tiefgreifende Fragen anspricht und das Publikum nicht nur zum Mitmachen, sondern auch zum eigenen Hinterfragen anregt. Doch das Ganze ist so vielfältig und humorvoll angerichtet, dass jeder der etwa 70 Premierenbesucher am Freitag und auch jeder der rund 130 Zuschauer am ersten Samstagstermin einen anderen – positiven – Eindruck mit nach Hause nimmt.

Manche sehen nachdenklich aus, die meisten entspannter und strahlender als beim Einlass. Zwei Samstagsgäste setzen die angestupste Kreativität gleich nach Ende der Performance aktiv um, indem sie die im Saal verteilten Sitzwürfel zum Turm stapeln. So geht das in den kleinen quadratischen Programmheften formulierte Ziel der Moving Rhizomes unübersehbar auf: die Zuschauer zu bewegen und zu inspirieren.

Los geht’s ganz lustig

Kaum haben die Gäste sich im Saal auf den Hockern und Pappwürfeln verteilt oder zwischen den zwei Bühnen und einem weißen zentralen Kubus Stehplätze gesucht, sind die ersten Lacher zu hören. Schauspieler Dan Glazer lädt zum „Human-Test“. Haben Sie am Flughafen zwischen Gepäckkontrolle und Gate hundert Mal das Gefühl, ihr Ticket verloren zu haben? Zahlreiche Arme schnellen bejahend hoch – menschlich! Haben Sie auch schon mal auf einen Anruf gewartet, der nie kam? Ja? Menschlich! Die folgenden Szenen beleuchten auf unterschiedliche Art weitere Aspekte des Mensch-Seins.

Spielerisch, interdisziplinär – und international, weshalb die Sprache an diesen Abenden Englisch ist (der entscheidende Text wird aber im Programmheft übersetzt). Wenn die Tänzer Giulia Insinna aus Italien und Richard Oberscheven aus Bonn zum Spiel der spanischen Pianistin Eva Llorente Díaz den rücksichtslosen menschlichen Umgang mit der Natur ausloten. Wenn sich alle drei Tänzer mit Conférencier Glazer im weißen Kubus um ein altmodisches Telefon, einen Selfie-Stick und einen Apfel balgen. Wenn 30 „Moving Kids“ einer Ulmer Waldorfschule physisch ihren Ängsten Ausdruck verleihen.

Und als Höhepunkt eines jeden Abends: Wenn Oberscheven und der italienische Tänzer Lorenzo Ruta zum Cello-Duett des finnischen Komponisten Kari Juusela  vor einer doppelten Projektion der Luxemburger Cellistin Anne Schumacher den inneren Kampf Kopf gegen Herz ausfechten. Der reinste Hör- und Sehgenuss.

Perfekt getimet und scheinbar unangestrengt greifen bei „What Makes Us Human?“ Projektionen und Live-Darbietungen ineinander, Ton und Bild ergänzen einander, Zuschauer und Akteure vermischen sich und interagieren.

Das „Hybrid-Dings“ funktioniert. Tänzerisch, choreografisch, ästhetisch, technisch ist diese visuelle Performance top – wie schon „Crossing Paths“, „Before I Die“ und „Step By Step“. Nur ein längerer Monolog gegen Ende wirkt arg lang und missionarisch – trotz oder gerade wegen des einleitenden „ich möchte kein Prediger sein . . .“ –, bevor der finale Disco-Tanz „We Are Human“ die Schwere wieder aufbricht.

„Let us all unite!“ appellieren Dan Glazer und mit ihm das katalanisch-kastilische Choreografen- und Produzentenpaar Pablo Sansalvador und Cecilia Espejo. Da der Text bei aller scheinbaren Aktualität aber aus Charlie Chap­lins Film „Der große Diktator“ von 1940 stammt, führt der Unwille, der manch einen da befällt, letztlich auch wieder zu einer wertvollen Erkenntnis: Wie ungeduldig wir modernen Menschen doch geworden sind.

Moving Rhizomes Das Künstlerkollektiv, das sich nach extrem widerstandsfähigen, unscheinbaren Wurzelgewächsen benennt, kam 2014 zusammen. Von Anfang an dabei sind Choreograf Pablo Sansalvador, Produzentin Cecilia Espejo, die Tänzer Giulia Insinna und Damien Nazabal, Soundtüftler Andreas Usenbenz und Produktionsdesigner Andreas Hauslaib.

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