Miljenko Jergović: Ein Buch wie ein Schlüssel zum Balkan

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Über 1000 Seiten dick ist der Roman „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“, in dem Miljenko Jergovic die eigene Historie bis zum Urgroßvater zurückverfolgt und mit dem er die Zuhörer im Donauschwäbischen Zentralmuseum zu fesseln vermochte. Der Buchhändler Thomas Mahr: „Für mich ist das Buch wie ein Schlüssel zum Balkan und selten hat mich ein Buch so angerührt.“

Vorgelesen vom Schauspieler Karl Heinz Glaser wurden die Figuren und die Atmosphäre zweier dieser Miniaturen lebendig. Die des Urgroßvaters, eines Banater Schwaben und hohen Eisenbahnbeamten, und von dessen Söhnen. Erzählt wurde von deren Sprachverwirrung, die nicht nur beim sonntäglichen Mittagessen der Großfamilie existierte und in der je nach Nationalbewusstsein zwischen Slowenisch, Kroatisch und Deutsch gewechselt wurde.

„Eine derart strenge Sprachregelung existiert heute vermutlich nur noch in den Gremien der Europäischen Union“, schreibt Jergovic. „Aber damals hat sie keiner hinterfragt.“

Eine andere, sehr berührende Geschichte handelt von den  Lagerbaracken, in denen nach dem Krieg Deutsche angesiedelt wurden wie die drei Kinder Maria, Laura und Mihajlo. Fünf bis sechs Jahre lebten Donauschwaben so in Sarajevo und haben in den Chroniken dennoch keine Spur hinterlassen. Heute ließen sich die Barackensiedlung nicht mehr belegen, seien vergessen – wie die unmenschlichen Bedingungen, der Hunger und die Zwangsrücksiedlung nach Deutschland.

Kunst entsteht unter Druck

„Die meisten Geschichten werden aus einem Unglück heraus erzählt“, meint Jergovic. „Wäre der Krieg nicht gewesen, hätte mich die eigene Familiengeschichte nicht so interessiert.“

„Literatur und Kunst entsteht unter Druck“, schreibt Jergovic. „Diese wird umso besser, je schlechter es einem geht.“ Deshalb gebe es so viele großartige osteuropäische Autoren. „Die sind wichtig wegen des Unglücks, das schon passiert ist und wegen der Enttäuschung über die postkommunistische Zeit.“ Die äußere sich in extremen Rechtspopulismus und Nationalismus.

Dabei gibt es für Jergovic keinen Unterschied zwischen westlichem und östlichem Nationalismus. Beide seien Resultat einer kranken Gesellschaft und vernichteten nicht nur die die Nachbarn und Minderheiten, sondern auch die Kultur. 

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