Mehr als nur Märchen: Die Ausstellung "Expedition Grimm" in Kassel

Sie waren mehr als nur Märchensammler, sie haben auch als Sprachforscher die deutsche Kulturgeschichte geprägt: Eine große Ausstellung in Kassel schickt den Besucher auf eine "Expedition Grimm".

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  • Die Buchstabensuppe: Die Hessische Landesausstellung "Expedition Grimm" beschäftigt den Besucher an Mitmachstationen. Foto: dpa 1/2
    Die Buchstabensuppe: Die Hessische Landesausstellung "Expedition Grimm" beschäftigt den Besucher an Mitmachstationen. Foto: dpa
  • Das Nationaldenkmal der Brüder Grimm in ihrer hessischen Geburtsstadt Hanau. Foto: Jürgen Kanold 2/2
    Das Nationaldenkmal der Brüder Grimm in ihrer hessischen Geburtsstadt Hanau. Foto: Jürgen Kanold
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"Wer wird Grimmionär?" heißt das Quiz. Die Fragen beschäftigen sich mit dem "Deutschen Wörterbuch" der Brüder Grimm, einer Fundgrube des Wissens über die deutsche Sprache. Also: "Welches dieser Wörter haben Jacob und Wilhelm NICHT aufgenommen? a. Bierlust, b. Biermörder, c. Bierpause oder d. Bierpeitscher?"

Biermörder jedenfalls wäre die falsche Antwort. Das ist nämlich ein "Potator" (Trinker), "der das Bier mordet, tilgt, aufzehrt". So steht es im "Deutschen Wörterbuch", das die Grimms 1838 begannen, dessen erster Band "A bis Biermolke" 1854 erschien und das erst nach 122 Jahren, also 1960, mit Band 32 abgeschlossen wurde - Jacob Grimm war 1863 über der Arbeit an dem Wort "Frucht" gestorben.

Ach ja, "Bierlust" ist die richtige Lösung. Beifall rauscht jetzt laut aus einem Monitor in der Kasseler documenta-Halle, wo statt Kunst die Hessische Landesausstellung "Expedition Grimm" zu sehen und zu erfahren ist. Aber wer "Bierlust" in dem mit mehr als 320 000 Einträgen umfassendsten Belegwörterbuch der deutschen Sprache vermisst, kann es in eine Tastatur tippen - und schon erscheint es auf einer "Wortwolke" an der Wand.

So geht das weiter an mehr als 30 Mitmachstationen, und dabei lernt der Besucher vor allem auch, dass die Brüder Grimm nicht nur vor mehr als 200 Jahren, im Dezember 1812, mit der Herausgabe des ersten Bandes der "Kinder- und Hausmärchen", sondern auch als Sprach- und Mythenforscher und als Rechtsgelehrte deutsche Kulturgeschichte geschrieben haben.

Das alles ist tatsächlich in der documenta-Halle auf diversen Pfaden zu erkunden. Vorbildlich, diese pädagogische Aufbereitung von Historie und Wissen.

Und teuer. 1,5 Millionen Euro hat sich Hessen diese Ausstellung über seine Landeskinder kosten lassen. In Hanau wurden sie geboren: Jacob (1785-1863), Wilhelm (1786-1859), auch der malende Ludwig Emil Grimm (1790-1863). In Steinau (Main-Kinzig-Kreis) wuchsen die Brüder auf, in Marburg studierten Jacob und Wilhelm, in Kassel aber besuchten sie nicht nur das Lyceum, dort arbeiteten sie auch später, bis 1829, als Bibliothekare und Sekretäre im Dienste ihrer wechselnden Landesherren und begründeten ihre Sprach- und Literaturwissenschaft. Hier erschien ihre "Deutsche Grammatik", sammelten und veröffentlichten sie die Märchen.

Mit authentischen Grimm-Orten tut sich das im Zweiten Weltkrieg stark zerbombte Kassel schwer. Das Brüder Grimm-Museum im Palais Bellevue zeigt freilich eine umfassende Ausstellung zu Leben und Werk. Wertvollstes Exponat ist das mit 15 Millionen Euro versicherte, unter dickem Panzerglas verwahrte, mit schriftlichen Notaten versehene Handexemplar der "Hausmärchen" von 1812 - es gehört zum Weltdokumentenerbe der Unesco. Die Kasseler wollen gleichwohl den Touristen deutlich mehr bieten: 2015 soll eine "Grimm-Welt" eröffnen; der geplante Museumsneubau auf dem Weinberg ist jedoch umstritten.

Was einen dort erwarten könnte, nämlich ein populärer Mix für die ganze Familie aus zu bestaunenden wertvollen Originalen und interaktiven Angeboten, zeigt die Landesausstellung in der documenta-Halle. So gibt ein vom Fraunhofer Institut für grafische Datenverarbeitung realisiertes 3D-Modell Einblicke in die 1943 ausgebrannte Wohnung der Grimms am Wilhelmshöher Tor in Kassels Stadtmitte. Allein durch Körperbewegungen steuert der Besucher den Kameraflug durch die Räume, während ein vorgelesener Brieftext Wilhelm Grimms die einzelnen Räume beschreibt. Basis der Rekonstruktion ist außer erhaltenen Bauplänen zum Beispiel auch das wunderschöne Aquarell Ludwig Emil Grimms von 1821, das seine Schwester Lotte am Fenster jener Wohnung zum Motiv hat.

Dieses Gemälde gehört zu rund 150 Exponaten, mit denen Ausstellungsmacher Thorsten Smidt in drei Kabinetten Leben und Werk der Brüder veranschaulicht: vom Nachbeben der Französischen Revolution bis in die Zeit des restaurativen Preußens. Dann geht der Besucher tatsächlich auf eine schülergerechte mediale Expedition - nicht allein auf der Märchenstraße.

Aber neben einem "Bilderstrudel" mit "Rotkäppchen"- Illustrationen oder einer Film-Revue lädt eine "Peep-Show" ein: Im Gruselkabinett sind Zitate zu lesen, die Wilhelm Grimm in späteren Märchenausgaben entschärfte - etwa eine Bettszene mit dem Froschkönig. Den "Grimmionären" soll eben nichts verborgen bleiben.

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