Maria Lassnig im Alter von 94 Jahren gestorben

Eine der größten bildenden Künstlerinnen der Gegenwart ist tot: Maria Lassnig ist am Dienstag in Wien im Alter von 94 Jahren gestorben. In Erinnerung bleibt ihr Humor - der auch verstören konnte.

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Maria Lassnig vor einer ihrer Zeichnungen 2009 im Museum Ludwig. .  Foto: 

"Landmädchen", "Paar", "Mehlspeisenmadonna", "Der unschuldige Blick", "Don Juan dAustria" - die Titel der großformatigen Bilder in Maria Lassnigs Spätwerk klingen mal konkret, mal verspielt, mal hintergründig. Die Erwartungen des Betrachters erfüllen die knallbunten Motive in Öl fast nie. Irgendwas stört immer, bis hin zur unverhohlenen Provokation: Das Landmädel ist sie selbst, 82-jährig, nackt, entschlossen vom Mofa aus den Betrachter anstarrend. Das Paar ist in Plastikfolie gehüllt, die Strudelheilige schaut alles andere als madonnenhaft, die Unschuld erinnert an einen bösen Flaschengeist und der Frauenliebhaber lässt an Kindesmissbrauch denken.

Starke Bilder sind das, die ins Auge stechen und den Betrachter nicht mehr loslassen. Manchmal böse, oft auf jugendlich-lässige Art humorvoll. Diese Wiener Malerin, die zur NS-Zeit an der Akademie mit bis auf "Bauernmalerei" leergeräumter Bibliothek ausgebildet wurde und bei offiziellen Anlässen schon mal ein Polizei-Absperrband als Krawatte trug, konnte direkt, gewitzt, aber auch sperrig sein. Das hat etwa Hans Ulrich Obrist 2008 bei einem Interview erfahren. Dem Kurator, der 2011 mit "Die Feder ist die Schwester des Pinsels" ihre Tagebücher herausgab, erklärte sie bescheiden: "Das, was einen beeindruckt, das muss man halt darstellen." Um gleich danach Antworten rundheraus zu verweigern. Andererseits scheute sie sich nicht zu bekennen, dass sie die Bilder ihrer "Paar"-Serie für misslungen hielt.

1919 als uneheliches Kind in der 2.000-Einwohner-Gemeinde Kappel in Kärnten geboren, hat Maria Lassnig Zeit ihres Lebens kämpfen müssen. 1943 musste sie die Wiener Kunstakademie verlassen, da die Nazis ihre Werke als "entartet" einstuften. Über Klagenfurt, Wien, Paris - über Realismus, abstrakten Expressionismus, Surrealismus und Informel - kam sie 1968 nach New York, wo sie mit Trickfilmen und Siebdruck experimentierte. Auch dort war sie Außenseiterin, setzte den Minimalisten und Konzeptualisten ihre sehr persönliche Kunst entgegen: in den späten 40er Jahren erfundene "Body-Awareness-Bilder", introspektive Darstellungen des eigenen Körpergefühls. Aus einer "Aversion gegen Hintergründe" griff sie außerdem oft einfach zu Weiß.

Erst mit über 60 begann der Aufstieg an die Spitze der internationalen Kunstszene: 1980 kehrte sie nach Wien zurück, wurde als erste Professorin im deutschsprachigen Raum an eine Kunsthochschule berufen. 1982 und 1997 wurde sie zur documenta 7 und X eingeladen, vertrat Österreich auf der Biennale von Venedig, hatte zahlreiche Einzelausstellungen, erhielt 1998 den Oskar-Kokoschka-Preis, 2004 den Max-Beckmann-Preis, 2013 für ihr Lebenswerk in Venedig den Goldenen Löwen. Zuletzt galt Maria Lassnig, die mit 94 Jahren am Dienstag in einem Wiener Spital gestorben ist, als eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart.

"Tu mer mit was Negativem abschließen", bat sie Obrist 2008 spitzbübisch im Interview. Und klagte halbernst: "Schuld ist natürlich die Umwelt, weil die hat mich nicht früher erkannt." Anders Paul Celan, mit dem sie in ihrer Pariser Zeit befreundet war. Der glaubte an sie: "Er hat gesagt ,Du wirst überstehen."

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