Mann der Extreme

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Entweder ich werde berühmt – oder berüchtigt.“ Das nahm sich der junge Otto Dix vor. Was er damals nicht ahnte: Er wurde beides. Ein Jahrhundertkünstler, der sich immer wieder selbst erfinden musste, und gleichzeitig einer, der ob seiner Kompromisslosigkeit viele verschreckte. Ein Ankläger, der sich nicht scheute, nackte Gewalt, Not und beißende Gesellschaftskritik zu zeigen, der sich aber auch freiwillig als Soldat für den Ersten Weltkrieg gemeldet hatte und in den zweiten als Volkssturmmann gezwungen wurde. Ein Künstler, der sich stilistisch nie festlegte, sowohl impressionistisch als auch expressionistisch malte, die Neue Sachlichkeit mitbegründete, auch Altmeisterliches perfekt beherrschte.

Dix war auch ein Künstler, der als einer der ersten von den Nazis aus seinem Amt als Universitätslehrer in Dresden entfernt wurde, ins Exil an den Bodensee ging und nach 1945 einer der wenigen war, der in beiden Deutschlands arbeitete – und reüssierte. Und im Westen wie im Osten jeweils eine Familie unterhielt: die offizielle in Hemmenhofen auf der Höri, die inoffizielle in Dresden. Ein Mann mit vielen Gesichtern, dessen 125. Geburtstag mannigfaltig begangen wird.

Doch wie feiert man so einen, dessen Kunst wie Biografie so disparat erscheint? So wie in Friedrichshafen. Im dortigen Zeppelin Museum hat Ina Neddermeyer eine Schau kuratiert, die nicht die Brüche in Leben und Werk des Künstlers in den Vordergrund stellt, sondern das Gemeinsame. „Alles muss ich sehen“, heißt die Ausstellung, die erstmals alles zeigt, was die Friedrichshafener an Dix-Werken im Bestand haben: 21 Gemälde, 110 Zeichnungen und 275 Grafiken – aus allen Schaffensperioden, also nicht nur aus der Zeit, in der Dix nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt in Hemmenhofen bis zu seinem Tod 1969 lebte.

Weil es nicht darum geht, wie das Leben des Künstlers dessen Kunst beeinflusst hat, ist die Ausstellung auch nicht chronologisch gegliedert, sondern thematisch: Landschaften, Porträts, Akte, Städte, Kriege und Heilige heißen die Kapitel der Schau – alles Themen, die sich wie rote Fäden durch das Werk des nichtgläubigen Bibelkenners ziehen.

Ein Augenmensch

Der Ausstellungstitel „Alles muss ich sehen“ steht für die übergreifende Herangehensweise. Dix war ein Augenmensch, er brauchte den Anstoß von außen, um zu arbeiten. Und weil er das wusste, suchte er sich seine Sujets ganz bewusst – am liebsten im Dschungel der Großstadt, in den Straßen, den Bordellen und den Amüsierbetrieben. Schaut man sich die Bilder an, die im beschaulichen Hemmenhofen entstanden, erkennt man, wie verzweifelt dieses Augentier den Blick von der heimischen Terrasse zu variieren versuchte, dieses herrlich unverstellte Panorama, das Dix so verfluchte. „Ich stehe vor der Landschaft wie eine Kuh“, sagte dieser Künstler, der in seinen Arbeiten aus dem Ersten Weltkrieg zerschossene Bäume und zersprengte Landschaften zum Sinnbild einer entfesselten Menschheit gemacht hatte, die sich ins Gedächtnis einbrannten.

Bekannter als die Landschaften sind die Porträts von Dix.  Auch wenn er nach 1933 auf diese Aufträge angewiesen war, nahm er auf die Porträtierten keine Rücksicht, schönte nichts, sondern fing die  Eigenheiten seiner Modelle schonungslos ein. Dix mochte diese Auftragsarbeiten nicht sonderlich. 1938 schrieb er an seine Tochter Nelly: „Porträt ist immer ein bissel unerfreulich, weil man sich so mit der Ähnlichkeit plagen muss und dann kriegt die Malerei etwas Ängstliches und sieht gepinselt aus.“

Vom weiblichen Akt war Dix dagegen regelrecht gefesselt. Nackte Frauen malte er scheinbar wahllos: dicke, dünne, junge, alte, schöne und hässliche.  Dix musste sich mehrfach wegen der Verbreitung unzüchtiger Bilder verantworten. Dabei sind diese Akte wieder so unbestechlich wie die Porträts. Da wird nichts geschönt, nichts  verschleiert. Alles ist explizit. Und das gilt auch für seine Darstellungen des Krieges, die ihn berühmt machten.

Idealtypisch sind dagegen die biblischen Themen aufgearbeitet, in altmeisterlicher Lasurtechnik, maltechnisch stupend und doch voller Hintersinn wie die „Versuchung des Heiligen Antonius“, die Dix insgesamt viermal ausführte. In Friedrichshafen ist die Urfassung aus dem Jahr 1937 zu sehen. Da versucht Einer seinen Prinzipien treu zu bleiben – vor dem Hintergrund des Unteren Sees.

Vom Isenheimer Altar fasziniert

Und dann noch ein Bild, das Jahrzehnte des Dix-Universums zusammenfasst: eine 1946 gemalte Pietà. Da hatte Dix in der Kriegsgefangenschaft nahe Colmar schon den Isenheimer Altar Matthias Grünewalds gesehen, ein Werk, das ihn nicht mehr loslassen sollte. Und diese Faszination sieht man dieser Pietà an, die mit den Verwesungsmalen Jesu aber auch auf die verrottenden Schädel aus den Schützengräben des Ersten Weltkrieges verweist.

Und im Colmarer Museum Unterlinden ist auch die zweite große Ausstellung aufgebaut, die man sich zum 125. Geburtstag von Otto Dix anschauen sollte. Das Dix-Haus in Hemmenhofen kann man derzeit nicht auf die Jubiläumsliste setzen. Dessen Saison beginnt erst wieder Ende März.

Friedrichshafen  Dort startet heute im Zeppelin Museum die Schau „Alles muss ich sehen“ mit mehr als 400 Werken (bis 17. April).

Düsseldorf Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt vom 11. Februar bis 14. Mai eine große Ausstellung mit dem Titel „Otto Dix – Der böse Blick“. Gezeigt werden etwa 120 Gemälde, Aquarelle und Grafiken.

Gera Dort wird das Geburtshaus von Dix – das wegen Bauarbeiten seit Anfang des Jahres geschlossen war – heute mit einer Sonderausstellung wiedereröffnet, die Silberstiftzeichnungen von Dix in den Mittelpunkt rückt.

Colmar In einem Lager nahe Colmar war Dix 1945 als Kriegsgefangener interniert, lernte dort auch den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald kennen. Eine Begegnung mit Folgen, die das Museum Musum Unterlinden noch bis Ende Januar mit „Otto Dix – der Isenheimer Altar“ thematisiert.

Briefmarke Aber nicht nur mit Ausstellungen wird der Künstler geehrt: Das Bundesfinanzministerium hat eine Sonderbriefmarke (85 Cent) aufgelegt. Sie zeigt einen Ausschnitt von Dix‘ Selbstporträt „An die Schönheit“. Bereits zum 100. Geburtstag des Künstlers waren zwei Briefmarken mit Dix-Motiven erschienen.

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