Luther zur Buchmesse: Der deutsche Rebell

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Porträt von Martin Luther (1483-1546), Ölgemälde auf Holz von Lukas Cranach d.Ä., Wittenberg 1528.  Foto: 

Ein religiös entflammter Augustinermönch hämmert am 31. Oktober 1517 mit Wucht seine 95 Thesen wider den Ablasshandel und den falschen Glauben an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg – und bald explodiert die mittelalterliche Welt.

Eine filmreife Szene. Aber es gibt keinen Beweis dafür, dass Martin Luther tatsächlich derart plakativ sein Papier anschlug ans „Schwarze Brett“ der Universität. Ein katholischer Kirchenhistoriker namens Erwin Iserloh etwa bestritt das schon vor Jahrzehnten. Die alte Holztür war sowieso 1760 verbrannt in einem Krieg, der preußische König Friedrich Wilhelm IV. stiftete dann 1858 eine „Thesentür“ aus Bronze – als ein Heiligtum für Protestanten.

Gleichwohl war der Thesenanschlag das Fanal der Reformation, ziemlich rasch verbreiteten sich Luthers Gedanken. 500 Jahre später feiert die evangelische Kirche dieses Jubiläum – und kaum ein Verlag, der nicht schon jetzt, zur Buchmesse 2016, einen Luther-Titel im Programm führte. Was der Sache aber auch gerecht wird. Denn schon die Reformation war ein Medienereignis, das erste in der neueren Geschichte, und ohne Johannes Gutenbergs Erfindung des  modernen Buchdrucks mit beweglichen Lettern nicht denkbar. „Die Reformation war auch eine Medienrevolution und nur möglich, weil sich das revolutionäre Wort durch die Druckerpresse so schnell in den Handels- und Universitätsstädten verbreiten konnte“, schreibt der Journalist Willi Winkler in seiner neuen Luther-Biografie.

Millionen Flugschriften

Allein zwischen 1520 und 1526, so die Schätzungen, waren etwa 11000 deutsche und lateinische Flugschriften mit einer Gesamtauflage von elf Millionen in deutschen Landen in Umlauf – wobei nur zehn Prozent der zwei Millionen Menschen damals überhaupt lesen konnten. Weil also ein großer Teil der Adressaten Luthers aus Analphabeten bestand, mussten ebenso Bilder sprechen. Da lieferte die Wittenberger Cranach-Werkstatt. Es war Lucas Cranach, der Luthers Image mit seinen Porträts mitbegründete und pflegte, ja ihn mit seiner Kunst zum evangelischen Heiligen erhob.

Die Reformation hätte aber auch nicht diesen Erfolg gehabt, wenn Luther, als Humanist, sich nur in der Gelehrtensprache Latein ausgedrückt hätte. Er avancierte zum Held des Volks, weil er dem nicht nur aufs Maul schaute, sondern in dessen Sprache predigte. Auf der Wartburg übersetzte er das Neue Testament – diese Volksbibel wurde zur Grundlage ebenso der deutschen Literatursprache bis Goethe. Luther übertrug die Bibel aus dem Lateinischen dem Sinn nach, mit unvergleichlichem Sprachgefühl.

„Man mus die mutter ihm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, und den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetzschen, so verstehen sie es denn, und mercken, das man  Deutsch mit in redet.“

Luther-Kenner dürfen sich also nicht wundern über eine neue Flut an Büchern zum Reformationsjubiläum. Alle wollen sie dabei sein: „Auf Luthers Spuren“ heißt etwa ein Bildband von Andreas Steidel über „Orte der Reformation in Baden und Württemberg“, mit Vorwort der Landesbischöfe. Luther persönlich spielte hierzulande ja kaum eine Rolle, reiste höchstens durch auf dem Weg nach Rom oder Augsburg. Philipp Melanchthon aus Bretten oder Johannes Brenz, „der schwäbische Luther“, heißen die Protagonisten vor Ort in der Reformation. Richtig, man feiert ja 500 Jahre Reformation und keinen runden Luther-Geburtstag.

Von Willi Winkler, der schon Bücher über Helden der Popkultur wie Mick Jagger und Bob Dylan geschrieben hat, stammt eines der gewichtigen neuen Luther-Bücher. Die Theologie spielt darin nicht wirklich eine große Rolle, was man beklagen kann; auch widmet der Autor dem Antisemitismus Luthers, dessen chronischer „Judenfeindschaft“, seinen Hasstiraden, nur ein paar Seiten – was bedauerlich ist, auch wenn Luther halt nur ein Kind seiner Zeit gewesen sein mag. Nach dem Bauernkrieg wiederum geht dem Autor fast schon die Luft aus, springt das Buch zum Ende. Winkler erzählt nicht plan und umfassend Luthers Leben, aber er bringt –  vorzüglich geschrieben – die Geschichte klug und pointiert auf den Punkt.

Luther, den „deutschen Rebellen“ in einer hochbrisanten politischen Weltlage zu Beginn des 16. Jahrhunderts, stellt Winkler in den Mittelpunkt. Nichts weniger freilich als ein Umstürzler wollte dieser sein, wenngleich er mutiger war als „sämtliche Intellektuelle seiner Zeit“. Winkler bezeichnet Luther als einen „konservativen Revolutionär“, der die überkommenen Verhältnisse bewahrt haben wollte, aber sie auch nutzte für seine Mission. Den Untertanengeist beschwor Luther, der Obrigkeit müsse das Volk gehorchen. „Die Freiheit eines Christenmenschen ist eben keine äußerliche, keine Freiheit in dieser Welt, sondern nur im Verhältnis zu Gott möglich und lässt die weltlichen Verbindlichkeiten unangetastet.“ Vor Gott sind alle Menschen gleich, aber eben nur vor Gott: Ja teils mit Mordlust habe Luther gegen die „Rotten der Bauern“ und Thomas Münzer agitiert, so Winkler.

Die epochale Tat des Gottessuchers aber war es, den Reliquien-Kult hinwegzufegen, den mittelalterlichen „Erlösungkapitalismus“ zu zerstören, die „Fiskalisierung der Religion“ zu entlarven. Das beschreibt und analysiert Winkler ausführlich wie einleuchtend im Zeitpanorama, er zeigt auf, wie der materiell so anspruchslose Mönch zum Gegner des reichsten Mannes seiner Zeit wurde, Jakob Fugger. Luther pulverisierte die Ablass-Industrie, die das Seelenheil gegen Geld verhökerte, mit einer verblüffend einfachen wie biblisch-revolutionären  Erkenntnis: Gott kann gnädig werden ohne Umweg über das Gesetz.

Eigentlich schon früh habe Luther erkannt, „dass es keinen Anspruch auf Erlösung nach erkennbaren Gesetzen, überhaupt keine Sicherheit außerhalb des Glaubens gibt, sondern es allein von der Gnade abhängt, ob der Sünder am Jüngsten Tag gerettet wird oder eben nicht“. Luther „entzieht der Kirche die Geschäftsgrundlage“.

Es sei Martin Luther gewesen, so Winkler, „der erkannte, dass ein Mensch in dieser Seelenpein nicht weniger Kirche, sondern mehr geistliche Freiheit braucht. Weil er verzweifelt war wie sie, wurde er der Heiler, der dieses Zeitalter mit ungeahnten Folgen kurieren sollte. Aber erst musste er selbst den Leidensweg gehen.“

Freiheit eines Christenmenschen

Winkler bemüht in seinem Fazit Walter Benjamin, der, ohne es zu wollen, Luthers Auftreten in der Zeitenwende nach 1500 in seinem Aufsatz „Über den Begriff der Geschichte“ beschrieben habe. An Paul Klees Bild „Angelus Novus“ exemplifizierte der Philosoph sein Geschichtsverständnis. Der Engel der Geschichte „möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen“, aber „ein Sturm weht vom Paradiese“ her. Und dieser Sturm treibt den Engel „unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst“.

Das sei doch, wertet Winkler treffend, „der ganze Luther: mit dem Rücken zur Zukunft, die er fürchtet, der Blick in die Vergangenheit, die er am liebsten zusammenfügen würde und von der er sich nur höchst unwillig löst“. Luther, die „Jahrtausendfigur“, der nie ganz bewusst wurde, in was sie geraten war.

Luther aber auch, der Gegenwärtige. Winkler vergisst die Katholiken nicht. Wäre es nicht an der Zeit für die römische Kirche, so fragt er, „den Dr. Martinus heiligzusprechen, als Kirchengelehrten nicht nur, sondern vor allem als den Mann, der dank seiner teutonischen Widerborstigkeit den naturwissenschaftlichen, medizinischen, intellektuellen Fortschritt aufgehalten, die Aufklärung verhindert, die Macht  der Kirche fast bis in unsere Tage verstetigt hat? Jener Kirche, die er für Teufelswerk erklärte, die aber nach einer gewissen Verzögerung in der Lage war, sich zu erneuern und fünfhundert Jahre nach den fünfundneunzig Thesen besser dasteht als je zuvor?“

Winkler hat selbst eine These, eine schön provokante: „Luther hat eine durch und durch korrupte, vollkommen verweltliche Kirche zur Reform gezwungen und ihre Lebensdauer bis heute verlängert.“ Jetzt sei Papst Franziskus dran, er „sollte Luther den schuldigen Dank abstatten und ihn am 31. Oktober 2017 zur Ehre der Altäre erheben.“

1Willi Winkler, ehemals Kulturchef des „Spiegels“ und heute Autor der Süddeutschen Zeitung, hat eine gewichtige neue Biografie geschrieben: „Luther. Ein deutscher Rebell“ (Rowohlt Berlin, 640 Seiten, 29.95 Euro).

2 Heinz Schillings große, Maßstab setzende Biografie des Reformators ist in einer aktualisierten Sonderausgabe bei C. H. Beck neu erschienen: „Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ (728 Seiten für günstige 19.95 Euro).  Der Reformator als schwieriger Charakter.

3 Lyndal Roper, britische Expertin für die Geschichte der Reformation und renommierte Professorin in Oxford, beleuchtet umfassend den Menschen, dessen Wut und Glaube, Kraft und Zweifel die Welt für immer veränderten: „Der Mensch Martin Luther“ (S. Fischer, 736 Seiten, 28 Euro).

4 Volker Reinhardt hat die bisher weithin unbeachteten Akten in den vatikanischen Archiven studiert und schreibt, wie Luther von Rom aus wahrgenommen wurde. Seine These: Weniger theologische Differenzen seien Ursache der Reformation gewesen als Hass und Unverständnis zwischen kultivierten Italienern und barbarischen Deutschen. „Luther, der Ketzer“ ist bei C. H. Beck erschienen (352 Seiten, 24.95 Euro).

5 Der Verlag C. H. Beck hat überhaupt reihenweise Bücher zum Thema im Angebot. Auch Thomas Kaufmanns Reformationsgeschichte „Erlöste und Verdammte“ sowie nützliche Nachschlagewerke als Taschenbücher: „Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst ­– Martin Luther in Selbstzeugnissen“ von Günter Scholz; „Reformation – Die 95 wichtigsten Fragen“ von Johann Hinrich Claussen.

6 Andreas Steidel zeigt in einem Bildband die Orte der Reformation in Baden und Württemberg (Belser, 160 Seiten, 29.99 Euro).

7 Natürlich gibt’s das Ganze auch als historischen Roman mit Drama und Herzschmerz: Luther gegen Münzer in Tilman Röhrigs „Die Flügel der Freiheit“ (Pendo, 480 Seiten, 20 Euro).

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