Ludwigsfelder Andreaskirche zeigt Glasbilder von Günther Späth

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Rot, Blau, Grün. Viel Braun und Gold. Dazwischen Lila. Neon-Orange! Die Farben der 18 Bilder knallen unerhört. Wenn man bedenkt, dass sie von hinten auf gut einen Zentimeter dicke, teilweise trübe, mit Rissen und Luftblasen durchsetzte Glasplatten gemalt sind. Die passen in ihrer demonstrativen Grobheit bestens zu den mitnichten filigranen Betonrahmen, die sie säumen. Und deren dezent helles Grau erlaubt den Farben erst recht, expressiv zu sprühen.

Hochinteressant findet Kunsthistorikerin Ingrid Kessler-Wetzig an Günther Späths 1965 erschaffenem Zyklus aus 18 Hinterglasbildern zu biblischen Geschichten vor allem die Körpersprache der Figuren: die Kraftlosigkeit Abrahams, der seinen Sohn opfern soll; Unterwürfigkeit und „Bereitschaft zum Entgegennehmen“ bei Mose, der vor einem brennenden Dornbusch seine Berufung erfährt; „maßlose Erregung“ Bileams gegenüber einer Eselin. Das Erstaunlichste aber sei, dass der 1991 mit 70 Jahren verstorbene Ulmer Künstler „bei keinem Motiv auf eine Komposition aus früheren Zeiten zurückgegriffen hat“, erklärt die Fachfrau angetan.

Arbeiten von Günther Späth sind nicht nur an den Portalen der Neu-Ulmer Paulus- und der Ulmer Martin-Luther-Kirche, an der Tür zum Sitzungssaal im Ulmer Rathaus und an der Südseite der Grundschule in Lehr zu sehen, sondern auch an der Außenwand der 1968 erbauten Ludwigsfelder Andreaskirche. Auf zwölf Metern Breite hat der kriegsversehrte Künstler dort in einem Betonrelief das Leben des namensgebenden Apostels dargestellt. Pfarrer Ernst Sperber kennt das monumentale Werk seit 17 Jahren. Erst habe es ihn erstaunt. „Dann habe ich mich dran gewöhnt“, sagt er in einer Hommage an den Künstler zur Vorstellung der in der Kirche gezeigten Hinterglasbilder.

Zusammen mit dem vor zwei Jahren von der Luther-Gemeinde überlassenen Sieben-Meter-Kupferrelief mit Motiven aus dem Epheserbrief, drei von Späth entworfenen Altar-Paramenten und fünf Landschaftsaquarellen, die derzeit im Kabinett neben dem Altarraum zu sehen sind, werde die Andreas- immer mehr zur „Späth-Kirche“, meint Sperber.

Der jüngste Neuzugang, die so originell wie liebevoll und detailreich gestalteten Szenen aus dem Alten Testament, der Apostelgeschichte und der Offenbarung, ist für den zum Späth-Liebhaber konvertierten Pfarrer schlicht ein „großer Schatz“. Geschaffen hat den der damals 44-jährige Künstler in einer temporären Schreinerwerkstatt im ehemaligen Söflinger Rathaus fürs zwischenzeitlich abgerissene Freizeitheim der Söflinger Christusgemeinde in Pappelau. Als Sperber den Zyklus erstmals – staubbedeckt – im Kellergewölbe der Adlerbastei erblickt hatte, war er entflammt wie der neon-orange Dornbusch in Späths Interpretation des 2. Buchs Mose, Vers 3,1 bis 4,17.

Echte Kunst gehöre niemandem wirklich – oder besser allen, sagt der Ludwigsfelder Pfarrer. „Aber ich muss zugeben, da habe selbst ich als Sperber sofort einen Elster-Blick bekommen.“ Die Söflinger erfüllten den Wunsch des „im Haben-Modus“ befindlichen Neu-Ulmer Seelsorgers: Sie schenkten den lange in einem Hochregallager und später in der Adlerbastei gelagerten, halbvergessenen Schatz der Ludwigsfelder Pfarrei. Die „aus dem Dornröschenschlaf erwachten“ Bilder mögen damit eine dauerhafte Heimat gefunden haben, hofft der Söflinger Pfarrer Markus Grapke.

Dafür spricht dreierlei: Die fürs Umtobtwerden von Jugendlichen geschaffenen robusten Betonrahmen sind dort nun fest mit den Sichtbetonwänden verschraubt. Sie machen sich hervorragend unter der Orgelempore des modernen Kirchenraums.

Einzelgänger mit Humor

Und der Neu-Ulmer OB-Stellvertreter Albert Obert attestiert dem Verhältnis Späth/Andreaskirche eine „wertschätzende und geglückte Beziehung“. Neben der wuchtigen Wirkung hebt Obert den „vielfäligen Gehalt der Geschichten“ hervor, die Späth in seinen Glasbildern erzählt.

„Gläserne Miniwelten“ nennt sie der mit der Künstlerfamilie seit 50 Jahren befreundete Architekt Wolfgang Mühlich. Günther Späth sei „dem künstlerischen Werken und Wirken total verschrieben“ gewesen. „Er war bös’ mit sich und der Welt“, berichtet Mühlich. „Aber er hatte auch Humor.“ Alles Oberflächliche lehnte der Künstler ab. Die biblischen Geschichten habe er „um und um gedreht“, sei „behutsam in die Farbe gegangen und noch behutsamer in die Darstellung und Fixierung der Erzählfiguren vorgedrungen“. Er habe gesucht und verworfen. „Ganz so, als hätte sich sein Erlebtes in den Erzählungen aufs Neue bestätigt.“

Biografisches Günther Späth, geboren 1921 in Ulm, wollte Kirchenmusiker werden. Doch im Zweiten Weltkrieg verlor er in Russland die linke Hand beim Versuch, mit gefährlichem Material ein wärmendes Feuer für seine Truppe zu entzünden. Der Vorwurf der Desertion und Selbstverstümmelung, auf den die Todesstrafe stand, wurde verworfen, führte aber zu einer verspätet ausgezahlten Versehrtenrente. Späth und seine Frau Thea bekamen sieben Kinder. Die Familie beherrschte latente Armut. In religiöser Kunst fand der an der Münchner Akademie ausgebildete Maler und Bildhauer eine Nische. Gelebt hat er in Ludwigsfeld und Ulm, Ateliers hatte er in Reutti, in der ausgebrannten Dreifaltigkeitskirche und zuletzt in der Adlerbastei.

Öffnungszeiten Andreaskirche, Meisenweg 10, Ludwigsfeld, geöffnet tgl. 10-18 Uhr.

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