Letzte Sätze am letzten Tag

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Der Originaltitel lautet "The Last Movement".

Es gibt berühmte erste Sätze in der Weltliteratur. Zum Beispiel jenen aus "Anna Karenina" von Leo Tolstoi: "Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich." Puh, das ist ein Auftakt!

Aber die letzten Sätze? Werden gelegentlich ungern verraten. Man denke nur an die Hysterie unter den Harry-Potter-Fans, als Joanne K. Rowling den letzten Band "Die Heiligtümer des Todes" veröffentlichte und alle Welt über das Finale der Zauberer-Saga spekulierte. Jetzt können wir es sagen. Der letzte Satz besteht aus drei Wörtern: "Alles war gut." Und das nach Tausenden von Seiten! Ein solches Finale wünscht man sich auch an Silvester.

Der letzte Satz - man muss ihn sich erarbeiten. Manche Leser erreichen ihn nie. "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (A la recherche du temps perdu) gehört zu den großen Romanen des 20. Jahrhunderts, der Titel ist zum geflügelten Wort avanciert. Aber wer hat den Schluss gefunden? Nach zehn Bänden, auf Seite 4184 (der Suhrkamp-Ausgabe) beendet Marcel Proust sein Epos. Der letzte Satz erstreckt sich über viele Zeilen, aber das letzte Wort sei genannt. Es hat (im Deutschen) vier Buchstaben - ach ja: "ZEIT".

Über manche Romane der Weltliteratur wird viel gesprochen, doch wer hat die Bücher ganz gelesen? "Ulysses" von James Joyce etwa, wer kann schon den letzten Satz aufsagen? Zugegeben, das ist auch enorm schwer. Der letzte Satz beginnt nämlich auf Seite 1004 mit "nein das ist doch keine Art . . ." und schließt erst auf Seite 1015. Molly Bloom hält, ohne Punkt und Komma, ihren großen Monolog. Der lange Tag von Dublin geht zu Ende, ihr Mann Leopold, dieser moderne Odysseus, ist nach Hause gekommen, und im Halbschlaf lässt seine Frau ihre Gedanken frei strömen. Bis zur Erinnerung an das erste Glück: ". . . und ich habe ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen daß er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja." Eines der schönsten Jas der Literatur.

Oder nehmen wir den "Zauberberg" von Thomas Mann. Nein, dieser Roman endet eben nicht im Lungensanatorium von Davos, wo Hans Castorp nicht die avisierten drei Wochen, sondern sieben Jahre verbrachte. Und diese ganze Philosophie über Gesundheit, Krankheit und Tod - sie mündet in der Realität des Kriegsausbruchs 1914. "Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum?" - auf Seite 976 führt uns der Autor auf einen ganz anderen Schauplatz, an die Front. Sturmangriff, Granatfeuer. "Er liegt, das Gesicht im kühlen Kot . . ." Thomas Mann sagt Lebewohl zu seinem Helden, lässt die Frage aber offen, ob der Soldat Castorp überlebt, ob ihm noch "aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll und regierungsweise ein Traum von Liebe" erwächst. Der letzte Satz ist dann eine pathetische Frage: "Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?" 100 Jahre Erster Weltkrieg - der 1924 vollendete "Zauberberg" zählt zu den Romanen über die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Natürlich gibt es auch richtig berühmte letzte Sätze: "Kein Geistlicher hat ihn begleitet." Richtig, so endet Goethes Sturm-und-Drang-Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" aus dem Jahre 1774. Das ist die lakonische Nachschrift eines fiktiven Herausgebers: Der unglücklich in Lotte verliebte Werther hat sich erschossen - Selbstmörder aber wurden in jener Zeit nicht christlich begraben.

Oder Theodor Fontanes "Effi Briest" - noch so ein tragischer Roman. Eine Ehebruchsgeschichte aus dem preußischen Kaiserreich; die 17-jährige Effi wird mit dem 21 Jahre älteren Baron von Innstetten verheiratet. Da lässt sich das lebenslustige, eher unschuldige Mädchen von einem Major Crampas verführen, schon wird sie von der herrischen Moralgesellschaft abgestraft: ein tödliches Duell unter dünkelhaften Offizieren; Scheidung, das Kind wird Effi genommen; sie stirbt einsam, verstoßen. Nur der Hund Rollo war ihr geblieben. "Ob wir nicht doch vielleicht schuld sind?", dämmert es der Mutter spät. War Effi zu jung gewesen als Ehefrau für den Baron? "Rollo, der bei diesen Worten aufwachte, schüttelte den Kopf langsam hin und her, und Briest sagte ruhig: ,Ach, Luise . . . das ist ein zu weites Feld.'" Biederkeit, Machtlosigkeit, Schicksalsergebenheit.

Nur in Märchen gehen solche Geschichten gut aus. "Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende." Das ist der Klassiker der letzten Sätze. Wobei auch Tolstois "Anna Karenina" nach aller Dramatik eigentlich ganz ordentlich endet. Der Gutsbesitzer Lewin jedenfalls schließt Frieden mit sich: "Aber mein Leben, jeder Augenblick dieses Lebens, was auch immer in Zukunft mit mir geschehen wird, wird nicht mehr sinnlos und vergeblich sein wie bisher; es hat einen unbezweifelbaren Sinn bekommen: er liegt in dem Guten, das ich in jeden Augenblick meines Daseins hineinzulegen vermag." Prosit Neujahr! Der letzte Satz ist fast so gut wie der erste.

Krimi-Schlüsse

Finale "Dann habe ich, nachdem ich den Fall zur Zufriedenheit aller aufklären konnte, die Ehre, mich zurückzuziehen." So spricht Meisterdetektiv Hercule Poirot am Ende von "Mord im Orientexpress" - es ist der letztes Satz in Agatha Christies berühmtem Roman. Die letzten Sätze von Krimis haben es in sich: Da fallen Schüsse und werden Schlüsse gezogen, werden Mörder gefasst, Akten oder auch mal Ehen geschlossen. Es gibt sogar einen Krimi von 1976, der "Der letzte Satz" heißt (im Original freilich "The Last Movement"). Spannungsspezialistin Joan Aiken schildert darin geheimnisvolle und gefährliche Verstrickungen auf der griechischen Insel Dendros. Am Ende kommt es zu einem schmerzhaften Showdown. Und wie lautet nun der letzte Satz von "Der letzte Satz"? "Was meinen gebrochenen Rippen und meinem lädierten Schlüsselbein nicht besonders wohltat."

ABO

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