Lesen zwischen Lust und Wahn

Wer Bücher liebt, der sollte bald nach Zürich fahren. Die sehenswerte Ausstellung "Bücherhimmel - Bücherhöllen" im Museum Strauhof thematisiert das " Lesen und Sammeln zwischen Lust und Wahn".

|
Im Bücherhimmel: Das Lesen, das Sammeln und die Wirkung von Büchern ist Thema einer Ausstellung im Zürcher Museum Strauhof. Foto: Andreas Clasen

Der Blick auf die eigene Bücherwand genügt, um zu merken, welch ganz unterschiedliche Beziehungen ein Mensch zu diesen Staubfängern knüpfen kann. Manche Titel erinnern einen sofort an heitere, traurige, schaurige oder erkenntnisreiche Leseerlebnisse. Andere verursachen ein schlechtes Gewissen, weil sie noch immer ungelesen dastehen. Und dann gibt es jene, die abstoßen, weil einem der Inhalt nicht passt oder die kalt lassen, da sie Geschenke sind, die es nie vermochten, Interesse zu wecken.

Im Zürcher Museum Strauhof widmet sich eine Ausstellung noch bis 25. November diesen Beziehungen in all ihren Ausprägungen. "Bücherhimmel - Bücherhöllen. Lesen und Sammeln zwischen Lust und Wahn" heißt sie, und sie ist jedem zu empfehlen, der gerne schmökert. Sie ist nicht historisch gegliedert, sondern schickt den Besucher auf eine ein- bis zweistündige Reise in die Bücherwelt, während der er unter anderem verwursteten Wälzern, Regalen voller kleiner Geschichten sowie einem Bücherfreak begegnen kann.

Auf den Bücherhimmel stößt der Besucher gleich im ersten Ausstellungsraum. Etliche aufgeschlagene Bände hängen dort an Fäden von der Decke. Wer sich darunter stellt und emporschaut, der versucht fast automatisch diese Texte zu entziffern. "Es war schon weit nach Mitternacht. Ich konnte nicht schlafen, weil sich meine Eltern gegenseitig anbrüllten. . .", ist da zum Beispiel zu lesen. Der Bücherhimmel öffnet sich weit in diesem Raum, dem der liest, gibt er die unterschiedlichsten Eindrücke.

So ein Einblick kann Begeisterung auslösen, wie sie manche der Kinder zeigen, die Kurator Beat Mazenauer in Videos aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen und von ihnen erzählen lässt. Aber auch Widerstand: Hier im Strauhof wird auch an Bücherverbrennungen und an schwarze Listen - des Vatikans, der Nationalsozialisten - erinnert. Ja, Bücher können erst Menschen und dann die Welt verändern, selbst wenn man das der "Bibel" oder Karl Marx "Das Kapital" gar nicht zutrauen möchte, die so unscheinbar neben anderen berühmten Werken im Museum ausliegen.

Die Leidenschaft für Roman, Atlas und Co. kann allerdings auch krankhaft ausarten, wie die Ausstellung zeigt. Der Pariser Arzt Guy Patin soll den Begriff "Bibliomanie" 1654 erstmals gebraucht haben, um seine Gier nach Büchern zu beschreiben. Solche Bibliomanen können bildlich gesprochen ihre Augen nicht mehr vom Bücherhimmel lösen, der aber genau dann zur Hölle mutiert. Welche Ausmaße diese krankhafte Sucht annehmen kann, ist wohl nie anschaulicher formuliert worden als in einer Agenturmeldung, die 2003 über den Nachrichtenticker lief und im ebenfalls empfehlenswerten Ausstellungs-Begleitband "Lieber barfuss als ohne Buch" nachzulesen ist: "Wegen akuter Einsturzgefahr ist die Wohnung eines 58-Jährigen in Kaiserslautern von tausenden Büchern befreit worden. . . Die gesamte Wohnung war bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft." Der Besitzer stand laut Polizei unter Schock, als seine geliebten Schmöker abtransportiert wurden.

Die Ausstellung in Zürich hätte eine schwerwiegende Lücke, wenn sie die Digitalisierung des Wissens, die Ersetzung der stationären Bibliothek durch das mobile Internet ausblenden würde. Doch Kurator Beat Mazenauer thematisiert diesen Aspekt und zwar dankenswerterweise ohne dabei dem heute so verbreiteten Kulturpessimismus zu erliegen und mal wieder vor der Verdummung zukünftiger Generationen zu warnen.

Dafür legt der Rundgang die Einsicht nahe, dass vor allem der richtige Umgang mit einer Kulturtechnik darüber entscheidet, ob diese bereichert, ablenkt oder krank macht - ganz gleich, ob wir im Internet oder in einem Buch lesen.

Info Die Ausstellung "Bücherhimmel - Bücherhöllen. Lesen und Sammeln zwischen Lust und Wahn" ist im Museum Strauhof im Zürcher Zentrum noch bis 25. November zu sehen.

Öffnungszeiten: Di-Fr 12-18 Uhr, Sa-So 10-18 Uhr.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Tourismus im Alb-Donau-Kreis: Mischung aus Traumtouren und Welterbe

Der Deutsche Wanderverband hat vier Premiumwege im Alb-Donau-Kreis ausgezeichnet. Das Siegel ist begehrt: Das Angebot wird überregional beworben. weiter lesen