Leos Janaceks Füchslein und die Melancholie

Zwei Jahrzehnte mussten verstreichen, bis Leos Janaceks "Schlaues Füchslein" wieder den Weg auf die Bühne der Dresdner Semperoper fand.

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Es ist keine naive Tier- oder Märchenoper. Im "Schlauen Füchslein" Leos Janaceks begegnet dem Zuschauer "eine Erzählung über den Kreislauf des Lebens und der Natur, über die kurzen Augenblicke des Glücks, über Hoffnungen, Sehnsüchte und über Vergänglichkeit". Die wunderbare Partitur, geformt durch feinnervige Rhythmik und durch des Meisters Einfühlungsvermögen in die Melodie des gesprochenen Worts und in die Laute der Tiere, vermag den Hörer unabdingbar in den Bann zu ziehen.

An der Semperoper verlegt Regisseur Frank Hilbricht, idyllische Waldseligkeit aussparend, den Akzent von der jungen Füchsin auf den Förster: auf die Reminiszenzen eines alterndes Mannes, der sein nahendes Ende spürt, gleichwohl von Vitalität und Sehnsucht nach der Natur, nach Jugend und Eros erfüllt ist. Wobei Hilbricht in jenem Förster in mancher Hinsicht auch ein Spiegelbild des Tondichters sieht.

Der Regisseur befindet sich durchaus im Einklang mit Janacek, wenn er die Tiere wie Menschen empfinden und handeln lässt. Folglich hat Kostümbildnerin Gabriele Rupprecht die Tierfiguren nicht als kostümierte Tiere gekleidet, sondern als Menschen mit tierischen Accessoires. Die junge Füchsin - mit ihrem rotblond gelockten Haarschopf, rotem Minikleid und Fuchspelz Natürlichkeit, Freiheitsdrang, auch Erotik symbolisierend - wird für den Förster zur Projektionsfigur seines unterschwellig lodernden Verlangens. Vom Förster aufgegriffen und heimgebracht, lässt sie sich jedoch nicht zähmen, entflieht wieder, begegnet einem Fuchs, mit dem sie fröhliche Hochzeit feiert und viele Fuchskinder hat. Während der Förster und seine gleichfalls alternden Freunde nostalgisch über Jugend und Liebe reflektieren.

Traumhafte Melancholie durchweht so manche Szene. Ein grauer, mit Herbstlaub übersäter kastenförmiger Einheitsspielraum (Volker Thiele) evoziert elegisches Lebensgefühl - doch immer wieder tun sich seitliche Öffnungen auf: Ausblicke in die Natur. Erst der Tod des Füchsleins befreit den Traumatisierten von seinem Zwang und macht ihn bereit für den eigenen Tod.

Aus dem Ensemble ragt Bariton Sergej Leiferkus als Förster mit stimmlicher Flexibilität und intensiver Darstellung heraus. Und Vanessa Goikoetxea scheint die Rolle der Füchsin - strahlend ihr Sopran, bezaubernd ihr Spiel - auf den Leib geschneidert. Faszinierend ist es, mit welcher Einfühlung Tomás Netopil am Pult der Dresdner Staatskapelle die poesievolle Partitur mit ihrer berückenden Instrumentierung und ihrer zarten Lyrik bis ins kleines Detail Klang werden lässt.

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