Lady Macbeth von Mzensk: Musikalisch und szenisch perfekt

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Alles ist grob, primitiv und trivial. Die Musik schnattert, stöhnt und keucht . . .“ So schrieb im Jahre 1936 ein anonymer Kritiker in der „Prawda“ unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ über die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“. Ein solcher Schmähartikel konnte in der sowjetischen Diktatur das Todesurteil bedeuten. Der Komponist Dmitri Schostakowitsch schlief monatelang angezogen neben dem gepackten Koffer aus Angst, nachts abgeholt zu werden.

Josef Stalin hatte im Moskauer Bolschoi-Theater eine Vorstellung besucht und sie vor dem 4. Akt verlassen, wahrscheinlich hatte ihm das zwei Jahre zuvor uraufgeführte Stück missfallen. Man weiß es nicht. Aber im Sowjet-Terror der 1930er Jahre genügten ein irrationales Schulterzucken oder eine Denunziation für eine Hinrichtung oder mindestens das Straflager in Sibirien.

Schön unheilvoller Himmel

Musikgeschichte: 80 Jahre ist das her, Schostakowitschs  „Lady Macbeth“ gehört zu den Jahr­hundert­opern  – und so war es jetzt im Münchner Nationaltheater ein berührender Moment, als Regisseur Harry Kupfer zum Schlussapplaus auf die Bühne kam:  geboren 1935! Mit 81 Jahren ist er der Altmeister aus der Ostberliner Felsenstein-Schule des realistischen Musiktheaters.

Nach allen Moden steht der zwischendurch fast vergessene Harry Kupfer (und sein kongenialer Bühnenbildner Hans Schavernoch nicht minder) wieder im Rampenlicht: als Erzähler von Menschenschicksalen. Aus dem Werk, aus der  Musik und dem Text heraus, spielen die Akteure unverstellt von Metaphern-Überbau oder draufgesattelter Interpretation.  Personenführung zählt, auf den Takt, auf die Note genau. Mit einem solchen „Rosenkavalier“ vor zwei Jahren in Salzburg erstaunte Kupfer das Großpublikum renaissancemäßig als Regisseur des guten alten Handwerks. Seine „Lady Macbeth“ an der Bayerischen Staatsoper funktioniert ähnlich.  Auf jeden Fall hundertprozent geschmackssicher. Oper sieht ungemein nach Oper aus.

Eine aus ärmlichen Verhältnissen stammende Frau, Katerina Ismailowa, hat im vorrevolutionären Russland einen reichen Kaufmann geheiratet, in der Sehnsucht nach Glück und auch sexueller Befriedigung. Aber die Verhältnisse, sie sind nicht so in der Männergesellschaft: der Ehemann (Sergey Skorokhodov) ein impotenter Schwächling, der Schwiegervater (Anatoli Kotscherga) ein geiler Bock, die Frau an sich nur ein Objekt. Allenthalben Unterdrückung. Katerina aber begehrt auf, holt sich einen Liebhaber (Misha Didyk), der sie nur ausnutzt  – was sie zur Mörderin macht, in die Katastrophe führt.

Ein zeitloses Schicksal. Kupfer erzählt die „tragisch-satirische“ Oper in einer Industriebrache des beginnenden 20. Jahrhunderts, einer Fabrikhalle. In den späteren Szenenbildern öffnet sich der Horizont: grauer, unheilvoller Himmel, malerisch schön. Kupfer zeigt die rohe Gewalt und den sexuellen Exzess  nicht, er gehört nicht zu den Blut-und-Sperma-Regisseuren. Und seine Katerina ist als Täterin vor allem Opfer – und unheilvoll liebesbedürftig. Die fabelhafte Sopranistin Anja Kampe singt das auch alles, ihr gelingt ein starkes Rollendebüt: kraftvoll-dramatisch wie verletzlich leise.

Das Ende, der Marsch nach Sibirien mit dem Gesang der Sträflinge und dem Freitod der verzweifelten Katerina, inszeniert Kupfer als Anklage; es ist ein großes, berührendes Plädoyer für den Humanismus. Die berstende Emotion dieser Oper aber, dafür ist Kirill Petrenko mit dem überragenden Bayerischen Staatsorchester zuständig. „Die Musik schnattert, stöhnt und keucht . . .“ Ja, das tut sie. Und sie schleudert  höhnische Walzer und bedrohliche Märsche heraus, mahnt mit Seelennotklängen und klagt an mit Rummelplatzgedröhn – verzaubert aber gleichermaßen mit zartestem Glücksidyll und liebkosenden Melodien.

Schostakowitsch komponierte für jede menschliche Regung einen musikalische Ausdruck: von Holzbläsersoli als Stimmen einsamer Menschen und süßen Glockenspiel-i-Tüpfelchen auf gehauchter Streicheranmut bis zum  brachialen Tutti-Ausbruch. Unglaublich, wie akribisch Kirill Petrenko diese Partitur umsetzt.

„Chaos statt Musik“?  So wild-emotional Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ auch sein mag: An „Chaos“ denkt man, wenn der Russe Petrenko am Pult steht, zuletzt. Er ist  der Perfektionist unter den Dirigenten, er geht das Risiko, wühlt auf, macht alles hochdramatisch  hörbar – aber vollendet kunstvoll. Die Erwartungen sind jetzt immer hoch, der Münchner Generalmusikdirektor und künftige Chef der Berliner Philharmoniker aber macht auch jede seiner Premieren zum Ereignis. Ovationen schon nach der Pause.

Vorstellungen Die Aufführungen im Dezember sind alle ausverkauft. Karten gibt es für  „Lady Macbeth von Mzensk“ noch bei den Münchner Opernfestspielen am 22. Juli. Im Internet aber ist die Produktion zu erleben: Am Sonntag, 4. Dezember, überträgt die Bayerische Staatsoper die Vorstellung live, von 19 Uhr an, und zwar kostenlos und in voller Länge.
www.staatsopern.de/tv

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