Kraftklub feiern in Stuttgart mit 8500 Fans

Kraftklub gehören zu den deutschen Rockbands der Stunde. Was steckt hinter dem Erfolg der Chemnitzer? Ihr bislang größtes Konzert in Stuttgart zeigte: Sie punkten mit Spontaneität, Intelligenz und Ironie.

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  • Wo Steffen Tidde (links) und Felix Kummer mit ihren drei Bandkollegen von Kraftklub auftreten, herrscht kollektive Euphorie. So auch in Stuttgart. 1/2
    Wo Steffen Tidde (links) und Felix Kummer mit ihren drei Bandkollegen von Kraftklub auftreten, herrscht kollektive Euphorie. So auch in Stuttgart. Foto: 
  • Jared und Shannon Leto von 30 Seconds to Mars. 2/2
    Jared und Shannon Leto von 30 Seconds to Mars. Foto: 
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"Iiiiich komm aus Karl-Marx-Staaadt, bin ein Verlierer, Baby, oridschinäl Ostler", singt Felix Kummer alias Brummer von der Chemnitzer Band Kraftklub. Ostler ja, aber Verlierer sind die fünf leicht sächselnden Mitt- bis Endzwanziger seit Veröffentlichung der Debüt-EP "Adonis Maximus" 2009 gewiss nicht mehr: New-Music-Award, Major-Plattendeal, Touren mit Beatsteaks, Fettes Brot, Ärzte und Rammstein, 2011 die erste Single "Zu jung", Bundesvision-Song-Contest, 2012 hält sich das Debütalbum "Mit K" 48 Wochen auf Platz eins der deutschen Charts und auch das Ende 2014 erschienene zweite Album "In schwarz" erklimmt sogleich die Spitze der Hitparade. Zudem erhält die Band um Felix und seinen Bruder, Bassist Till Kummer, den "Echo"-Kritikerpreis.

Der Erfolg kam "schnell, aber nicht zu schnell", meint Gitarrist und Keyboarder Steffen Tidde, Künstlername Steffen Israel. Die Band habe "keine Stufe übersprungen". Schon bevor Felix zur Band stieß, die sich daraufhin in Kraftklub umbenannte, spielte man vier Jahre zusammen - damals noch erfolglos. Der Rapper und Sänger erklärt den rund 8500 Fans, die zum "bislang größten Konzert dieser Tour" am Freitag in die Stuttgarter Schleyerhalle strömten, vor fünf Jahren hätten sie hier noch in der Röhre gespielt und später im LKA - das ergab sich also alles nicht über Nacht. Der "schöne kleine Club" Röhre sei "ja jetzt eine Müllhalde", fährt er fort. "Die bauen da einen Bahnhof, das ist sicher nicht an Euch vorbeigegangen - er lacht -, und packen da ihren Müll rein." Mit dem Detail zur S-21-Problematik macht er klar: Hier ist keiner, der sich mit Halbwissen anbiedert. Er hat sich informiert. Und steht so manchem kritisch gegenüber.

"Etwas sagen und nicht nur reden", wie es im Song "Wie ich" heißt, dafür steht diese Band. Vielleicht können die meisten der Anwesenden die in zwei Stunden so druck- wie freudvoll gespielten 19 Songs deshalb auswendig. Für kluge, ausgefeilte Texte sind zwar auch die Hamburger-Schule-Bands und Grönemeyer bekannt. Die packen sie jedoch eher in Musik zum dezent Mitwippen, während Kraftklub mit ihrem Crossover aus Rap, Rock-Riffs und eingängigen Melodien, durchsetzt von Beck- und Hendrix-Zitaten, Anklängen an Beastie Boys, Beatsteaks und The Hives sowie die originelleren unter den deutschen HipHop-Bands kräftig abrocken. Also: gut, aber nicht neu.

Auch die Bescheidenheit ("Wir machen halt die Musik, die uns selber gefällt", sagt Steffen), Spontaneität (vor "Irgendeine Nummer" ruft Felix live aus der Halle die an Grippe erkrankte Freundin einer Konzertbesucherin an), Spielfreude (inklusive des von ihnen erfundenen Back-to-Stage-Diving) und Bodenständigkeit der Musiker, die alle noch in WGs wohnen, keine Autos besitzen und wie früher das Skateboard stets dabei haben ("nur schwingt jetzt der Gedanke mit, ,brech' Dir nicht den Arm'"), reicht nicht, um das Phänomen Kraftklub zu erklären. Denn selbst das lässt sich von vielen Rockgruppen sagen.

Viel eher dürfte der Aufstieg der Doppel-K-Truppe dem Humor und der Selbstironie geschuldet sein, die sie charakterisieren. Die finden sich im Song "Unsere Fans", der den Spieß bezüglich Ausverkaufs-Vorwürfen gegenüber aufstrebenden Bands lustvoll umdreht, ebenso wie in der Konzert-Dramaturgie: Die Party in der fast ausverkauften größten Konzerthalle der Landeshauptstadt beginnt mit "Ich bin für immer alleeeein. . ."

Thematisch greifen Kraftklub neben Beziehungen, U-30-Problemen und Trends gesellschaftliche Strömungen auf - und beziehen etwa gegenüber Pegida klar Stellung. In "Hand in Hand" und "Schüsse in die Luft" ebenso wie im Interview. Die Angst vor Islamisierung sei "gerade in Sachsen ganz großer Mist", sagt Steffen etwa. Mit ihrer Ablehnung von Drogen ("Melancholie", "Ritalin") bietet sich die Band zudem als massenkompatibles Role-Model an, um zugleich in gnadenlos primitiver, pubertätstauglicher Teen-Spirit-Manier etwa in "Scheißindiedisko" der Anarchie zu huldigen. Mit dem 2011 schon live gespielten Song "Lieblingsband" erwiesen sich diese original Ostler zudem als hellseherisch: Kraftklub, das bedeute "kollektive Extase".

Dem Stuttgarter Konzert nach zu urteilen trifft das genau den Punkt. Nach dem Southside-Festival im vergangenen Jahr lässt sich diese Euphorie demnächst beim inzwischen - wie fast ihre gesamte Tour - ausverkauften "Rock am Ring" nochmal erleben. Außerdem ist Felix' und Steffens Sendung "Radio mit K" jetzt außer auf MDR auch im RBB und BR - jeden 4. Donnerstag im Monat von 22 Uhr an - zu hören.

Brüder, die zusammen in einer Band spielen

Kummer, Gibb & Co. Die Brüder Felix und Till Kummer spielen beide in der Band Kraftklub. Zu den bekanntesten derart vereinten Brüdern gehörten die im Kraftklub-Song "Für Liam" erwähnten Briten Liam und Noel Gallagher mit Oasis. Robin, Barry und Maurice Gibb bildeten die BeeGees, Brian, Carl und Dennis Wilson spielten bei den Beach Boys. AC/DC vereinte Malcolm und Angus Young. Dazu kommen Eddie und Alex Van Halen; The Stooges mit Ron und Scott Asheton; The Kinks mit Dave und Ray Davies; Creedence Clearwater Revival mit John und Tom Fogerty; Bay City Rollers mit Alan und Derek Longmuir; Biffy Clyro mit den Zwillingen Ben und James Johnston und The Proclaimers mit Charlie und Craig Reid; Kings of Leon mit Nathan, Jared und Caleb Followill sowie Cousin Matthew; 30 Seconds to Mars mit Jared und Shannon Leto; Arcade Fire mit Win und Will Butler; The National mit Aaron und Bryce Dessner sowie Scott und Bryan Devendorf; Radiohead mit Jonny und Colin Greenwood; The Hives, Sepultura, Undertones, Half Japanese, Jackson 5, Black Crowes, Kakkmaddafakka, INXS, Screaming Trees - die Liste ließe sich fortsetzen.

Deutsche Bruderschaften Kettcar, Madsen, Killerpilze, Tokio Hotel, Biermösl Blosn und Bananafishbones sind deutsche Beispiele.

Weitere Fotos: <b>swp.de</b>

 

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