Komponisten unter Kassendruck

Seine Karriere begann er als Keyboarder von Elton John, doch seit Mitte der 80er Jahre komponiert James Newton Howard fürs Kino - heute schreibt er Musik für Hollywoods größte Produktionen.

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Sie komponieren Musik für Filme mit Riesenbudgets, die Kassenknüller werden sollen: in diesem Jahr allein für "Die Tribute von Panem", "Snow White and the Huntsman" und "Das Bourne Vermächtnis". Spüren Sie dabei besonderen Druck?

JAMES NEWTON HOWARD: Ich würde Ihnen gern erzählen, dass man jedes Projekt mit der gleichen Leidenschaft angeht. Okay, das versuche ich auch. Aber in Hollywood werden Filme für fünf Millionen Dollar gemacht - und welche für 200 Millionen, dazwischen spielt sich nicht mehr so viel ab. Entsprechend riesiger Druck lastet auf den großen Produktionen. Musik ist dabei das Rädchen, an dem die Macher noch als Letztes herumschrauben können. Das kann einem Filmkomponisten das Leben in einen echten Albtraum verwandeln.

Diese teuren Filme sollen möglichst vielen Menschen gefallen. Schränkt das Ihre kreative Freiheit ein?

HOWARD: Kann vorkommen. Als ich die "Tribute von Panem" gemacht habe, rieten mir alle von einem orchestralen Ansatz ab. Ich sollte folkige, transparente Americana-Musik schreiben. Das hat aber nicht immer funktioniert. Vor allem für die Hauptszene des Films, als das Kind stirbt, habe ich ein großes Orchesterstück geschrieben - das ist für viele jetzt der emotionale Höhepunkt. Ich bilde mir darauf nicht allzu viel ein, aber es hat dem Film geholfen. Man darf sich nicht zu sehr durch Regeln einengen lassen, man muss auch gegen Erwartungen angehen. Hans Zimmer hat bei "Inception" quasi alle Regeln gebrochen - und das Publikum fand es toll. Das Publikum ist clever, es entlarvt Angeber und Betrüger.

Vom Themen-Erfinden über Arrangieren und Orchestrieren bis zur Aufnahme: Was ist Ihr liebster Moment im Schaffen einer Filmmusik?

HOWARD: Ganz klar wenn ich allein in meinem Studio bin und ein Stück geschrieben habe, von dem ich glaube, dass es etwas Besonderes ist und den Schlüssel zu einem Film enthält. Das ist der purste, der reinste Moment. Danach kommen all die anderen Leute hinzu, die ebenso am Film arbeiten, der Regisseur sagt vielleicht: "Sie glauben bestimmt, was Gutes komponiert zu haben, aber das ist mir egal, können wir bitte hier was ändern, und dort auch. . ." Das Zweitbeste sind dann die Aufnahmen mit dem Orchester, wenn diese tollen Musiker die Partitur zum Leben erwecken.

Ganz ehrlich, was denken Sie, wenn ein Regisseur kommt und sagt: "Tolle Musik, aber sie passt nicht"?

HOWARD: Was für ein Vollidiot! Die richtig guten Regisseure wie M. Night Shyamalan, Mike Nichols oder Tony Gilroy sagen aber nicht: "Ich mag das und das nicht." Sie sagen: "Es ist nicht das, was ich ausdrücken wollte, was man hier fühlen sollte." Es kann ja durchaus sein, dass sie in einer Szene einen anderen Fokus haben wollen. Also dass meine Perspektive falsch war, ich etwas missverstanden habe. Das Schwierige ist dann, beim zweiten Anlauf nochmals die gleiche Leidenschaft hineinzulegen - nur mit weniger Zeit, die mir noch bleibt. Also wieder: mehr Druck, mehr Druck! Aber irgendwie bekommt man es am Ende gemeinsam hin.

Regisseure sagen wohl eher selten: Diese Liebesszene bitte in b-Moll unterlegen. Wie also reden Sie mit Filmemachern über Musik?

HOWARD: Es ist schön, mit einem Regisseur zu arbeiten, der musikalisch gebildet ist, aber das sind die wenigsten. Leider glauben manche, Experten zu sein, weil sie eine große CD-Sammlung haben. Das ist gefährlich. Am besten, man spricht über Klangfarben, über Emotionen, über Dramaturgie. In meinen ersten zehn Jahren als Filmkomponist wollte ich gar nicht mit Regisseuren reden und wusste alles besser. Ziemlich arrogant. Dann lernte ich: Ich weiß nicht alles besser, und erst eine wirkliche Zusammenarbeit mit dem Regisseur kann zu richtig gutem Ergebnissen führen.

Sie pflegen Ihre Arbeitsbeziehungen: Sie haben mit Lawrence Kasdan sechs Filme gemacht, mit M. Night Shyamalan sitzen Sie am achten. Wird die Arbeit dadurch einfacher?

HOWARD: Man wird vertrauter miteinander, aber auch offener in der Kritik. Wie in einer Ehe: Es wird einfacher und schwieriger.

Sie schreiben funktionale Musik, arbeiten aber auch mit Top-Künstlern zusammen, etwa Weltklassegeigerin Hilary Hahn. Wie geht es in Hollywood Ihrem Ego als Komponist?

HOWARD: Jeder erfolgreiche Filmkomponist sagt: Mein Job ist, dem Film zu dienen. Und damit habe ich auch kein Problem! Mal ein Stück zur Überleitung, etwas für den Hintergrund zu schreiben, das finde ich okay. Ich weiß ja, es gibt auch wieder Szenen, wo meine Musik im Vordergrund steht.

Sie vertonen vier oder auch mal fünf große Filme pro Jahr. Woher kommt die Inspiration?

HOWARD: Die beste Inspiration ist die Deadline. Wir müssen sehr viel Musik in kürzester Zeit schreiben, das Extremste war "King Kong": fast drei Stunden Musik in viereinhalb Wochen. Das hat mich fast umgebracht, so etwas will ich nie wieder erleben! Man sollte Inspiration dabei nicht überschätzen, das meiste ist harte Arbeit.

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