Kiefer feiert 70. Geburtstag in Frankreich

Anselm Kiefer dringt mit Axt, Feuer und Blei in die Tiefen der deutschen Geschichte vor. In seinem Pariser Atelier arbeitet der Kunst-Star an seinem Mythos.

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Wird morgen 70: Anselm Kiefer.  Foto: 

Mammutsonnenblumen aus Gips, schiefe Türme und riesige Tafelbilder, in denen die Sonne explodiert und die Erde einstürzt: Werke in gigantischen Dimensionen, die Anselm Kiefer in seinem Atelier bei Paris lagert. Den Ort seiner Kreativität muss man sich erlaufen. Mit über 35.000 Quadratmetern ist seine Werk- und Wirkungsstätte fast dreimal so groß wie etwa die Dependance des Centre Pompidou in Metz.

Kiefer, der morgen 70 Jahre alt wird, verkörpert den deutschen Künstler par excellence: Er gilt als Grübler, Einzelgänger, Denker und teutonischer Vergangenheitsbewältiger. Seine grauen, mit Asche und Stroh bedeckten skulpturalen Landschaftsbilder, seine in Gipsmäntel gehüllten Sonnenblumen und Bleibücher haben immer etwas mit Zerstörung, Chaos und Katastrophen zu tun.

Der im badischen Donaueschingen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs geborene Maler gilt in Frankreich als intellektueller Meister aus Deutschland. In dieser Rolle wurde er als erster bildender Künstler an das Collège de France gerufen, wo vor ihm Roland Barthes und Claude Lévi-Strauss lehrten, zwei der bedeutendsten Köpfe Frankreichs.

Ruinen nationalsozialistischer Bauten, nordische Mythen, Hermannsschlacht oder Deutschlands Geisteshelden: Kiefers Motive sorgten in Deutschland jahrzehntelang für kontroverse Diskussionen. Als ästhetische Faszination des Faschismus und Wiederbelebung altgermanischer Mythen wurden sie von manchen Kritikern verurteilt, darunter auch dem bekannten Kunsthistoriker Werner Spies. Noch bis in die 80er Jahre hinein warf Spies ihm eine "Überdosis an Teutschem" vor. Als Kiefer 2008 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hielt Spies die Laudatio.

Seit etwa 14 Jahren lebt Kiefer nun in Frankreich. Dort wurde er mit offenen Armen aufgenommen. Kein Geringerer als der damalige Kulturminister Jack Lang half ihm, in der Nähe von Nîmes sein erstes Atelier zu finden, eine 35 Hektar große ehemalige Seidenfabrik in Barjac. Mit dem räumlichen Abstand zu Deutschland hat sich seine Fixierung auf das Trauma der nationalsozialistischen Vergangenheit etwas gelegt. Er hat seine Motive um den Kosmos erweitert, nach dem auch Kiefer mit seinen gigantomanischen Werken immer mehr zu streben scheint.

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