Jubel und Buhs: Bayreuther Turbulenzen

Der Auftakt-Wirbel ist vorbei. Doch bei "Lohengrin" und "Tannhäuser" geht es weiter hoch her: Buhs für die Regie, Bravo-Stürme für die Musik.

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Festspielfans frotzeln schon - über den "Fliehenden Holländer". Doch kaum ist der Skandal um den russischen Sänger Evgeny Nikitin abgehakt, der wegen seiner Nazi-Tattoos abreisen musste, folgen weitere Bayreuther Turbulenzen. Dass Regisseur Hans Neuenfels bei "Lohengrin" die Leute von Brabant als Ratten verkleidet, nehmen ihm Hardcore-Wagnerianer übel.

Doch die Inszenierung zeigt im dritten Jahr vollends ihren Charme. Denn Neuenfels Ratten sind nur allzumenschlich, wechseln im Nu Klamotten und Gesinnung, brüllen nieder, jubeln hoch, rufen Kriege aus - Mitläufer halt, doch manche scheren auch mutig aus. Und all diese trippelnden Nagerchen (süß der rosa Ratten-Nachwuchs) sind nur armselige Versuchstiere - Teil eines großen, unbekannten Experiments.

Annette Daschs Elsa mit extra flauschigem Sopran und Klaus Florian Vogt, Titelheld mit höhensicherem Tenor, punkten als Publikumslieblinge. Bei den Neulingen überzeugt Thomas J. Mayers wilder Telramund eher als Susan Macleans brave Ortrud. Andris Nelsons liefert den feinnervigen Sound dazu. Fast vergessen: packende Chöre!

Heftige Buhs bekam Regisseur Sebastian Baumgarten ab. Sein "Biogas-Tannhäuser" fand auch in der aufgeräumteren Zweitfassung wenig Gnade. Teils zu Recht: Zu verquast kommen die Bezüge zur Naturabfall-Verwertungs-Kette daher - auch wenn allerlei Kessel und ein riesiger, knallroter "Alkoholator"-Tank für cooles Industrieflair sorgen (Bühne: Joep van Lieshout). Wolfram (kantabel: Michael Nagy) schickt gar das Allerheiligste dieser Oper, Camilla Nylunds traumverlorene Elisabeth, ins (Bio-)Gas - was bei Wagner-Wächtern hellste Empörung auslöst. Doch die in Berliner Volksbühnen-Ästhetik multimedial aufgedonnerte Inszenierung - der Pilgerchor gleicht einer irren Sekte, der Venusberg einem Rotlicht-Käfig - wirkt überfrachtet. Schade, denn Baumgarten zählt zu den talentiertesten Regisseuren derzeit.

Nach dem ausgestiegenen Thomas Hengelbrock wertet Christian Thielemann (der es genießt, der Hügel-König der Herzen zu sein) diesen "Tannhäuser" mit seinem gefühlig durchwogtem Wagner-Klang zu einem der besten Bayreuth-Acts 2012 auf. Stark das Einwechsel-Team, denn neben der diskreten Venus (Michelle Breedt) begeistert der neue Tannhäuser Torsten Kerl als Kraftbursche und Büßer - mit schönem, glühendem Tenor.

Die Zwischenbilanz von Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier mutet eher mittelprächtig an. Eins aber haben die Schwestern angestoßen: den Wandel Bayreuths von der exklusiven Weihestätte zum kontroversen Diskurs-Forum.

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