Jommelli-Oper in Tübingen reanimiert

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Kaum zu glauben: In Tübingen stand mal ein Opernhaus. Heute kriegt  dort niemand den überfälligen Konzertsaal gebacken, obwohl  man vor ein paar  Jahren nah dran war: Da wollte ein schwäbischer Unternehmer am Alten Botanischen Garten investieren und den Saal gleich mitliefern. Daraus wurde  nichts. Dabei mussten am  selben grünen Park-Platz vor 250  Jahren die Tübinger Untertanen ihrem Landesherrn ein Gebäude hinpflanzen. Denn  Herzog Carl Eugen mochte nicht auf Opern-Lustbarkeiten verzichten, wenn er sich schon höchstpersönlich von der Stuttgarter Residenz in die schwäbische Provinz bequemte.  Flugs wurde ein alter Reitstall umfunktioniert und mit einem Opus des herzoglichen Leib- und Magenkomponisten Niccoló Jommelli gebührend Hof gehalten. Diesem Provisorium  war dann allerdings kein langes Leben beschieden, es wurde 1802 abgebrochen.

Das wäre längst verwehte Lokalkulturgeschichte, hätte nicht vor einiger Zeit der Stadtarchivar die verloren  geglaubte Tübinger Barockoper wieder ausgebuddelt, in Neapel und Lissabon. Seitdem wollte man sie in Tübingen unbedingt  wieder aufführen,  am besten punktgenau zum Jubiläum. Auch die Universität, vor allem deren Medienabteilung, ließ sich für das Projekt begeistern.

Entwaffnende Versuchung

„Il cacciatore deluso“, frei übersetzt in „Der frustrierte Jäger“, handelt von einem schüchtern-ungelenken Waidmann, der sein Heil bislang nicht gerade in der Hatz auf Weiberschürzen suchte. Deshalb umgarnen ihn drei adlige Grazien und führen ihn   entwaffnend in Versuchung. Dazu stößt eine putzmuntere Gauklertruppe, und am Ende wird der Herr gepriesen – in diesem Fall der weltliche aus Stuttgart.

Der hockt in dem insgesamt vergnüglichen Tübinger Jommelli-Wiedergänger im Festsaal der Neuen Aula als blasierte Hallodri-Kunstfigur älleweil präsent am Seitenrand. Ein hübscher, auflockernder  Einfall für  die dreistündige Aufführung,  die sich durch endloses Rezitativgestrüpp wühlen muss, um ein paar kunstvollere Arien-Preziosen freizulegen. Das wird musikalisch sauber interpretiert auf historischem Instrumentarium, mit stimmlich enorm präsentem Solo-Personal hauptsächlich aus dem Stuttgarter Musikhochschul-Stall. Auch Jochen Schönlebers Regie lässt sich einiges einfallen. Doch Philipp Amelung, dem musikalischen Leiter, dürfte bald klar geworden sein, dass es die Auftragsarbeit des handwerklich versierten Hofkapellmeisters künftig kaum in die Spielpläne anderer Opernhäuser schaffen wird. Dafür fehlt es inhaltlich und musikalisch an Substanz.

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