Uraufführung von „Brenz 1548“

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„Brenz 1548“ vor St. Michael. Dirk Schäfer spielt den Reformator, Anne Weinknecht dessen Frau.  Foto: 

Des geistlichen Auges sind sie erblindt/ In Sünd ersoffen, das ist was sie sind.“ Gott der Herr hat den Hallern schon 1925 die Leviten gelesen. Mit dem „Jedermann“ des Hugo von Hofmanns­thal begannen damals die Freilichtspiele auf der Treppe vor St. Michael. Ein Mysterienspiel, das den Menschen an seine Sterblichkeit erinnert: dass er am Ende nackt, ohne den irdisch angehäuften Mammon vor seinen Schöpfer treten muss.

Das „geistliche Auge“ haben sie in der Salzsieder- und Bausparkassenstadt theatralisch noch offen: Christian Doll, der neue, erst vierte Intendant seit dem Zweiten Weltkrieg, ist jetzt mit der Uraufführung „Brenz 1548“ erfolgreich gestartet, mit einem Auftragswerk von Andreas Gäßler zum Reformationsjubiläum.

Das Stück erzählt ein wichtiges Kapitel aus der Geschichte der ehemaligen Freien Reichsstadt: vom Wirken des Theologen Johannes Brenz (1499-1570), den der Rat 1522 zum Prediger berief und der bald die Heiligenverehrung als „Abgötterei“ brandmarkte; 1526 feierte er das erste evangelische Abendmahl in St. Michael. So begann die Reformation in der Stadt. Ein Historical also über den wahren Glauben, über Gerechtigkeit, Gewissensqualen und Zivilcourage. Und mehr Originalschauplatz geht ja nicht.

Wer war dieser Brenz? Aus Weil der Stadt kommt er, er studiert in Heidelberg, wo er 1518 Martin Luther begegnet. Fortan gehört er zu dessen wichtigen Gefolgsleuten. Und zu den gemäßigten: „Mit Gwallt will sich nymer kein glaub zwingen lassen“, schrieb Brenz einmal. Er sorgt sich um die Armenfürsorge, um Bildung für alle (Unterricht auch für Mädchen!), verfasst einen weithin beachteten Katechismus.

Viele Städte und Fürsten suchen bei Brenz einen Rat in politisch-religiösen Fragen; 1530 hilft er Philipp Melanchthon beim Abfassen des Augsburger Bekenntnisses. Auch bleibt Brenz eine Stimme der Vernunft: Im Bauernkrieg 1525 hält er zwar zur Obrigkeit, mahnt aber im Gegensatz zum eifernden Luther Milde an in der Bestrafung der Besiegten – die Untertanen hätten nicht allein gesündigt in diesem Streit.

Als die Protestanten im Schmalkaldischen Krieg verlieren, unterwirft Kaiser Karl V. auch Hall, er setzt das „Interim“ durch, also die Wiedereinführung der katholischen Messe, und verlangt den Kopf des aufsässigen Brenz. Aber diesem gelingt 1548 die Flucht – mithilfe aufrechter Bürger. Dieses Datum ist Ausgangs- und Endpunkt des Stücks, mit dem die Freilichtspiele die Brenz-Biografie lokal dramatisieren. Autor Gänßler hat das geschickt gemacht: Er zoomt dem Zuschauer die Historie mit zwei Zeitreisenden und einem Guide nah. Bob und Alice haben im Jahre 2053 einen Trip zu Martin Luther gebucht: „Galaktisch!“ Nur dass sie nicht auf der Wartburg landen, wo Junker Jörg die Bibel übersetzt, sondern auf Burg Hohenwittlingen, wo sich Brenz versteckt. Eine schöne Pointe: Die Reformation ist eben mehr als nur die Tat Luthers.

Die Zeitreisenden tauchen immer wieder im Stück auf, als Mitspieler, Spaßmacher, Publikumsanwälte. Sie nehmen die Zuschauer an die Hand, öffnen Zeitfenster zur Geschichte – und auch neun Türen stehen als Bühnenrequisiten auf der Treppe. Ein gutes, ernsthaftes Bildungsangebot, angereichert mit Unterhaltungseinlagen. Das Wort ist naturgemäß wichtig in einem Stück über einen evangelischen Prediger, Regisseur Christian Doll betont mit seinem starken Ensem­ble – allen voran Dirk Schäfer in der Titelrolle – zudem die theatralische Kunst. So kriecht etwa Brenz’ sterbende Frau Margarethe (Anne Weinknecht) auf dem Rücken liegend die Treppenstufen herunter, eine weiße Schleppenspur hinterlassend.

Etwas ratlos freilich bleibt das Publikum zurück, eher betroffen als gestärkt. Denn das Stück endet offen, mit einem Johannes Brenz in der Not: „Wohin ich komme, heißt man mich fliehen.“

Berater des Herzogs

Die Karriere des Reformators war 1548 freilich nicht vorbei. Nicht zuletzt am Hof von Urach fand Brenz Unterschlupf, es entwickelte sich ein enges Vertrauensverhältnis zu Christoph von Württemberg, der dann 1550 als Nachfolger Herzog Ulrichs die Regierung übernahm. Als das kaiserliche „Interim“ 1553 aufgehoben wurde, berief Christoph Brenz zum Propst der Stuttgarter Stiftskirche, ins höchste kirchliche Amt in Württemberg.

Brenz war der herzogliche „Cheftheologe“, wie Sabine Arend im Katalog zur Ausstellung über „Christoph – ein Renaissancefürst im Zeitalter der Reformation“ 2015 im Landesmuseum Württemberg  schreibt. In der „Großen Kirchenordung“ von 1559 regelten Brenz und der Herzog nahezu jeden Bereich des gesellschaftlichen Lebens – für Jahrhunderte. Württemberg, das Musterland der Reformation dank Brenz. Nun doch ein Happy End, in der Historie. Begraben ist er unter der Kanzel der Stiftskirche. Weshalb das Haller Freilichttheater ebenso die Landeshauptstädter interessieren müsste.

Die Saison Der neue Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall, Christian Doll, hat zum Auftakt „Brenz 1548“ auf der Großen Treppe inszeniert: weitere Aufführungen bis Ende Juli. Auf der Großen Treppe vor St. Michael haben in dieser Saison aber auch „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, ein Sommermusical nach dem Bestseller von Jan Weiler (1. Juli), sowie die Komödie „Don Camillo und Peppone“ (28. Juli) Premiere. Während jetzt die Bauarbeiten für das neue Haller Globe-Theater laufen, wird zudem in einem Theaterzelt gespielt: unter anderem „Die Wahlverwandtschaften“ nach Goethes Roman in einer Fassung von Gunter Heun. Weitere Informationen zu dem umfangreichen Programm der Freilichtspiele und Tickets: telefonisch unter 0791/751-600 und im Internet unter www.freilichtspiele-­hall.de

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