Joachim Król: „You’ll never walk alone“ singen Fans mit Sinn für Schönes

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You’ll Never Walk Alone“ gilt als die Fußball-Hymne. Der Schauspieler Joachim Król und der Regisseur André Schäfer haben sich auf die Suche nach dem Ursprung des Liedes gemacht: von Budapest über New York bis Liverpool. Król beschäftigt sich in der neuen Dokumentation mit Theater, der Beat-Musik der 1960er und den bekanntesten Fußball-Clubs Europas. Ein Gespräch über die Magie des Evergreens.

Im Film gibt es vom Nachfahren des Autors Ferenc Molnárs bis hin zum Trainer des FC Liverpool, Jürgen Klopp, einige Gesprächspartner. Wer hat für Sie die beeindruckendste Geschichte erzählt?

Joachim Król: Alle meine Interviewpartner hatten einen ganz eigenen Blick auf die Geschichte von „You’ll Never Walk Alone“. Besonders beeindruckend waren aber die Begegnungen mit dem Mathematikgenie Peter Lax, der Ferenc Molnár als Kind noch persönlich gekannt hat. Molnár war der Autor des Stücks, auf dem das Musical mit dem Lied „You’ll Never Walk Alone“ fußt. Toll war auch die Begegnung mit Jacques d’Amboise, dem Solotänzer aus dem Musical „Carousel“, der uns trotz seines hohen Alters von 83  mit seiner Vitalität und Erzählfreude fasziniert hat. Aber auch mit Adrian Tempany und Damian Kavanagh, die beide die Hillsborough-Katastrophe überlebten.

Sie berichten von der Katastrophe, die die Identität des FC Liverpool ausmacht, wo das Lied zur Vereins­hymne wurde. 1989 wurden beim Halbfinalspiel des FA Cups zwischen Liverpool und Nottingham Forrest in Sheffield 96 Zuschauer zu Tode gequetscht. Zuerst wurde den Zuschauern die Schuld gegeben. Erst 27 Jahre später wurde die Polizei für verantwortlich erklärt, weil zu viele Zuschauer eingelassen wurden.

Die Erzählungen von Adrian und Damian haben keinen von uns unberührt gelassen. Wie tief nach dem Horror von Sheffield schwache und korrupte Politiker und Polizisten in das Leben vieler einfacher Menschen eingegriffen haben, können wir uns gar nicht vorstellen. Der über 25 Jahre lange Kampf dieser Leute um Gerechtigkeit ist bewundernswert und hat das Zusammenleben der Liverpooler für immer verändert.

„You’ll Never Walk Alone“ wurde von einigen Clubs und Bands vereinnahmt. In Liverpool wird das Lied vor jedem Spiel angestimmt, die Toten Hosen mit dem Liverpool-Fan Campino spielen es am Ende jedes Konzerts. Ist es eine Liverpool-, BVB- oder allgemeine Fußballhymne?

Natürlich gehört der Song zuerst einmal den Fans von Liverpool. Aber ich glaube, man findet in den Stadien, in denen „You’ll Never Walk Alone“ angestimmt wird, einfach nur die Fans mit Sinn für das Schöne und Erhabene. Die Dortmunder Version von der Band Pur Harmonie ist in Liverpool übrigens wohlwollend abgenickt worden.

Was bedeutet Ihnen das Lied als BVB-Fan?

Ich versuche immer, „You’ll Never Walk Alone“ auf dem Platz mit Blick auf die Südtribüne zu genießen. Gelegentlich singe ich auch mit. Es ist ein wichtiges Element meiner Spieltagsrituale. Ich glaube einfach auch an die Wirkung von Musik. Es gibt atmosphärisch aufgeladene Orte und auch atmosphärisch aufgeladene Musik.

Warum sind Sie Dortmund-Fan?

Das ist wohl die Konsequenz einer westfälischen Fußballsozialisation. In Dortmund gibt es einen Fan-Schal zu kaufen, auf dem steht: „Danke Papa, dass du mich ins Stadion mitgenommen hast.“ So war es bei mir auch. Was die Borussia betrifft, so waren es erst Vaters Geschichten aus der Vergangenheit, früheste Fernseherlebnisse und dann eigene Stadionbesuche. Seit Jahren treffe ich nun in Dortmund ganz besondere Menschen, liebe Freunde und verbringe im schönsten Stadion der Welt phantastische Stunden.

In Dortmund hat der Anschlag vor dem Spiel gegen den AS Monaco die Fußball-Welt für einen Moment in Schockstarre versetzt. Kann das Lied, das Gemeinschaft ausdrückt, in solchen Momenten Trost spenden?

Ich war seinerzeit nicht in Dortmund, aber ich habe von vielen Augen- und Ohrenzeugen gehört, dass es fast wie eine organische Reaktion wirkte, als sowohl die monegassischen, als auch die Dortmunder Fans „You’ll Never Walk Alone“ anstimmten, als der Anschlag bekannt wurde. Von den Fans aus Monaco war dies sicherlich als Solidaritätsäußerung gemeint. Sehr sympathisch und auch tröstend. Es soll ja überhaupt schöne Szenen von Fanfreundschaft gegeben haben. Viele Dortmunder haben sich wie selbstverständlich um die für eine Nacht in Dortmund gestrandeten Monegassen gekümmert.

Wie Theaterschauspieler stehen auch Fußballer auf einer Bühne.
Wie Schauspieler inszenieren sich auch Sportler. Was macht für Sie den größten Unterschied zwischen den Schauspielern und den Fußballern aus?

Interessanter Vergleich. Wobei die Kollegen von der kickenden Zunft jedoch weitaus größere Möglichkeiten auf diesem Feld haben und viel weiter gehen können. Vielleicht sollte man sie eher mit Rockstars alter Schule vergleichen. Der größte Unterschied ist sicher, dass die meisten Fußballstars um die 30 ausgepowert sind, während der große Schauspieler Jack Nicholson mit 75 verkündete: „The best is yet to come!“ Das Beste kommt noch.

Der Dokumentarfilm „You’ll Never Walk Alone“ läuft heute, Donnerstag, in den Kinos an. André Schäfer (Regie) und Joachim Król (Erzähler) berichten vom Schicksal des Liedes, das Ri­chard Rodgers und Oscar Hammerstein für das Broadway-Musical „Carousel“ (Uraufführung 1945) komponiert haben – eine Vertonung des Theaterstücks „Liliom“ von Ferenc Molnár (1909).

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