Interview mit Schriftsteller Tom Reiss

Er hat geschafft, wovon viele Autoren träumen: Für seinen Roman "Der schwarze General" ist Tom Reiss mit dem Pulitzerpreis geehrt worden. Ein Gespräch über den Erfolg und sein Verhältnis zu Deutschland.

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Was war Ihre erste Reaktion, nachdem Sie von Ihrer Auszeichnung erfahren haben?
TOM REISS: Ich lag beim Zahnarzt auf dem Behandlungsstuhl, als plötzlich das Handy unentwegt im Sturm klingelte. Es waren dann verschiedene Nachrichten auf meiner Sprachbox, in denen mehrere mir nahe stehende Menschen gratulierten und sagten, wie sehr sie sich für mich freuen - nicht aber, worüber sie sich eigentlich freuten. Ich fragte dann die Zahnarztsassistentin, ob sie mich mal googeln könne. Sie fand dann die Meldung. Der Gesicht meines Zahnarztes wurde weiß wie Kreide: "Sie haben mir ja die ganze Zeit erzählt, dass Sie Schriftsteller sind, aber ich hatte nie gedacht, das es irgendetwas Ernstes ist!

Sie haben in der Vergangenheit bereits mit dem in 20 Sprachen übersetzten Weltbesteller "Der Orientalist" einen riesigen Erfolg gelandet. Verändert einen der Erfolg? Was ist vor dem Erfolg anders, als nach dem Erfolg?
REISS: Der Erfolg ist schön, aber er löst nicht die persönlichen Probleme. Seit ich den Preis bekommen habe, gibt es einen Witz, dass nun zumindest der Text meiner Todesanzeige feststeht: "Pulitzer-Preisträger Tom Reiss gestorben". Das dauert aber hoffentlich noch.

Hauptprotagonist in "Der schwarze General" ist der General Alexandre Dumas, der Vater des berühmten Romanautors. Was hat Sie gerade an dieser Person faziniert, wie sind Sie auf ihn aufmerksam geworden?
REISS: Meine Mutter hat als Kind den Holocaust in Frankreich überlebt. Im Waisenhaus bekam sie dann als einziges Buch "Der Graf von Monte Christo" in die Hände. Später hat sie mir oft davon erzählt. Mit 12, 13 wollte ich dann in meiner Fantasie immer selbst eine Zeitreise in die Vergangenheit machen, um zu erfahren, wie ist Napoleon, wie sind diese ganzen schillerenden Persönlichkeiten jener ungeheuer ereignissreichen Zeit.

Wenn Sie an einem historischen Buch schreiben, wie arbeiten Sie?
REISS: Ich ziehe mich für eine Zeitlang wie ein Mönch vollkommen aus der Gegenwart zurück und tauche in die Zeit ein, über die ich schreibe. Auf eine gewisse Weise bin ich dann wie ein Besessener und gehe vollkommen auf in dem, was ich tue, tauche ein in das Leben dieser Menschen der Vergangenheit, über die ich schreibe. Es ist aber auch eine Weise, mich selbst besser zu verstehen.

Wie schaffen Sie es, historische Figuren, die seit mehr als 200 Jahren tot sind, derart lebendig werden zu lassen?
REISS: Ich kann diese Frage nicht beantworten, das kann nur der Leser, denn in seiner Vorstellungswert werden sie ja lebendig. Mein Ziel ist es immer, meine Geschichten so gut zu machen, dass, wenn jemand auf eine einsame Insel geht und nur ein Buch mitnehmen kann, es ein Buch von mir ist.

Was hat Sie an der Figur des Alexandre Dumas am meisten faziniert?
REISS: Dass er ein Außenseiter im doppelten Sinne war. Dumas war ein Schwarzer, und er war ein Sklave, also jemand, der in der damaligen Gesellschaft ganz unten stand. Dann bricht die französische Revolution aus, er macht eine atemberaubende Karierre in der napoleonischen Armee und führt zeitweise ein Kommando über 50000 Mann. Ich liebe die Idee, das die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft niemals statisch ist.

Alexandre Dumas wird sowohl in Ihrem Buch als auch in dessen Rezension mehrfach als Held bezeichnet. Was macht Ihn zum Helden?
REISS: Ein Held gibt alles für die Sache, an die er glaubt. Er opfert im äußersten Fall sich selbst dafür, sei es ein Ideal oder sei es für andere Menschen. Allerdings glaube ich auch, das der Begriff des Helden heute ziemlich schnell, vor allem in den USA, wie etwa im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg, stark missbraucht wird. Ich halte das für ziemlich gefährlich.

Ihre Großeltern wurden in Auschwitz ermordet. Mit welchen Gefühlen betreten Sie unser Land?
REISS: Merkwürdigerweise habe ich in Deutschland immer das Gefühl einer Art zweiten Heimat. Ich bin mit deutscher Literatur und deutscher Küche aufgewachsen, die Kultur ist schlicht ein Teil von mir. Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, war da eine Verbindung, die ich sonst nirgendwo hatte. In dieses Land zu kommen ist jedesmal aufs Neue ein wichtiger Prozess, meine eigenen Wurzeln wiederzudecken.

Info
Tom Reiss: Der schwarze General. dtv, 544 Seiten, 24.90 Euro.

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