Inszenierung der Macht

In Sanssouci lebte Friedrich der Große am liebsten. Ohne Sorgen aber war der Preußenkönig nicht. Er sorgte sich vor allem auch um seinen Nachruhm, wie die Ausstellung "Friederisiko" im Neuen Palais zeigt.

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  • Nach dem nur glücklich überstandenen Siebenjährigen Krieg baute Preußenkönig Friedrich II. von 1763 bis 1769 das Neue Palais in Potsdam-Sanssouci. Fotos: SPSG 1/2
    Nach dem nur glücklich überstandenen Siebenjährigen Krieg baute Preußenkönig Friedrich II. von 1763 bis 1769 das Neue Palais in Potsdam-Sanssouci. Fotos: SPSG
  • Authentisch? So malte Johann Georg Zisensis den Preußenkönig Friedrich II. im Jahre 1769. 2/2
    Authentisch? So malte Johann Georg Zisensis den Preußenkönig Friedrich II. im Jahre 1769.
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Er ist der Flötenspieler von Sanssouci unter gleißendem Kronleuchter. Oder der willensstarke Kriegsherr. Oder der aufgeklärte Staatsmann, dem der junge österreichische Kaiser Joseph II. mit abgöttischer Verehrung entgegentritt. Und er ist natürlich der gütige Alte Fritz, der von seinen am Wegesrand wartenden Untertanen eine Bittschrift annehmen wird. So hat Adolph Menzel Mitte des 19. Jahrhunderts den Preußenkönig Friedrich II. folgenreich verewigt.

Die Alte Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel zeigt diese ikonografischen Bildnisse in einer beeindruckenden Ausstellung, und auch das Deutsche Historische Museum am Boulevard Unter den Linden, unweit des monumentalen Reiterstandbilds Friedrichs des Großen von Christian Daniel Rauch, beschäftigt sich mit dem Nachleben dieses Potentaten. "Verehrt, verklärt, verdammt" ist die Ausstellung überschrieben - "missbraucht" könnte man hinzufügen: als "großes Vorbild der Deutschen" (Treitschke), als Werbeikone unterschiedlicher Parteien, nicht nur als Endsieg-Held der Nazis.

Eine faszinierende historische Größe ist dieser Preußenkönig allemal, die Wissenschaftler sind auch im Jahr seines 300. Geburtstags noch nicht fertig mit Friedrich II. (1712-1786), der gleichermaßen Schöngeist, Landesvater und gnadenloser Angriffskrieger war. Man sollte sich in der Betrachtung der Berliner Ausstellungen aber nicht täuschen lassen: Es ist keinesfalls so, dass erst die Nachwelt die Figur "Friedrich der Große" stilisierte, propagandistisch ausschlachtete. Nein, das besorgte der Preußenkönig schon selbst, in eigener Sache.

Dieser Herrscher sorgte sich sehr um seinen Ruhm. "Falle ich, so ist mein Wille, dass mein Leib nach Römerart verbrannt und in einer Urne in Rheinsberg beigesetzt werde. Knobelsdorff soll mir ein Grabdenkmal errichten, wie das des Horaz in Tuskulum." So schrieb Friedrich, der von der Lektüre der antiken Dichter berauscht war, 1741 im Feldlager des von ihm entfesselten Schlesischen Krieges.

Nach Römerart? Drunter tat er es nicht. Inszenierungen lagen ihm. Nur äußerst glücklich hatte Friedrichs Preußen den Siebenjährigen Krieg überstanden, aber dann wollte er es den europäischen Rivalen mal so richtig zeigen. Er baute von 1763-1769 an der Westseite seines Parks Sanssouci in Potsdam das Neue Palais - das letzte große Barockschloss, das in Europa entstand. Kein friderizianisches Rokoko, kein Klassizismus, ein Anachronismus: Preußen, das junge, aufstrebende Königreich, stellte sich bewusst in die Tradition älterer Dynastien. Seht her: Wir sind wer, und wir können uns das leisten! Friedrich kümmerte sich um jedes Detail, vom Fußbodenbelag bis zum Zierrat an den Wänden. Die Einrichtung war ein einziger Wettstreit: Uhren, Porzellan, Seiden, Intarsien-Möbel, alles sollte Spitzenniveau haben, war Parade preußischer Leistungsfähigkeit. Der König selbst sprach von einer "Fanfaronnade" - eine Angeberei.

Die angebliche Bescheidenheit Friedrichs? Nicht so groß. Längst widerlegt durch seine "Schatull-Rechnungen", die im Januar (!) 1742 die Zahlung von 396 Talern für gelieferte Kirschen ausweisen; 20 Taler betrug dagegen das Jahressalär eines Gärtners. Kein Porträt Friedrichs fand sich zwar einst im Neuen Palais, selbst den Namenszug "FR" für "Fridericus Rex", den Ruhmesgöttinnen auf dem Deckengemälde im Marmorsaal emportrugen, ließ er übermalen. Aber was zeigt van Loos Göttermahl: den irdischen Königssohn Ganymed, der dank Zeus im Olymp zur Unsterblichkeit gelangt. Selbstverständlich war Friedrich in dieser Apotheose als Ganymed gemeint. Selbstdarstellung geht auch subtil.

Das alles kann man jetzt in der großartigen Ausstellung "Friederisiko" im Neuen Palais mit eigenen Augen erkunden. Es geht nicht nur um Friedrich, der das Risiko liebte, in 72 aufwendig restaurierten Räumen, von denen ein Drittel erstmalig oder nach Jahrzehnten wieder zugänglich sind, widmen sich elf Themenkomplexe dieser Persönlichkeit. Fast 500 Exponate internationaler Leihgeber werden gezeigt, darunter die Skulptur des nackten Voltaire von Jean-Baptiste Pigalle aus dem Pariser Louvre oder dessen Büste der Marquise de Pompadour aus dem Metropolitan Museum of Art in New York. Aber das wichtigste Objekt ist das kunstvolle Neue Palais selbst: Auf einem 1,5 Kilometer langen Pfad darf sich der Besucher auf Entdeckungsreise begeben.

So trifft man in einem Konzertzimmer auf jene Gemälde mit den "nackenden Figuren", die Maria Theresia so anstößig empfand und deshalb auf dem Kunstmarkt verscherbeln ließ und die Friedrich genau deshalb kaufte, um sich moralisch über die gehasste österreichische Kaiserin zu erheben. Oder man begegnet der von der Künstlerin Isabelle de Borchgrave in wundervollen dreidimensionalen Papierarbeiten ausgespielten Komödie "Der Modeaffe". Friedrich verfasste 1742 dieses Werk, um sich über die Eitelkeiten eines Höflings lustig zu machen. Ausgerechnet.

Man kommt Friedrich dem Großen im Neuen Palais tatsächlich "auf die Schliche", wie Jürgen Luh, Leiter der Ausstellung, sagt: "Friedrich war ein König und Mensch, nicht ein König und Gott."

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