In der Ferne leise Trommeln

Verwirrende Zeiten, verrücktes Theater? Das Staatsschauspiel Stuttgart muss schon wieder umziehen - ins Probenzentrum Nord. Das Publikum zieht tapfer mit und erlebt einen zumindest rasanten Saisonstart.

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  • "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift": ein Paradiesgarten? Foto: Cecilia Gläsker 1/2
    "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift": ein Paradiesgarten? Foto: Cecilia Gläsker
  • Im Mittelpunkt der Aufregung: der Autor Salman (Sebastian Kowski). Foto: Sonja Rothweiler 2/2
    Im Mittelpunkt der Aufregung: der Autor Salman (Sebastian Kowski). Foto: Sonja Rothweiler
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Was war das denn? Ein Familiendrama auf Speed? Eine Debatte über gescheiterte Ideologien? Ein Remake von Tschechows "Kirschgarten"? Ja, all das nämlich steckt drin in diesem auch titelmäßig bis zum Bersten vollgepropften, überdrehten Stück des US-Dramatikers Tony Kushner, das da heißt "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift". Mit Kushner und dem bizarren Dramolett "Salmans Kopf" der Brüder Presnjakow eröffnete jetzt die neuerliche Exil-Spielzeit des Staatsschauspiels - ein nicht unbedingt großartiger, aber hoch turbulenter Saisonstart, passend zu diesen Zeiten und unüberschaubar gewordenen Krisen.

Schiebt man das Wortgetöse in Kushners Titel beiseite, wird schnell klar, dass es um die US-Einwandererfamilie Marcantonio geht, deren Clanpatriarch Gus, ehedem Hafenarbeiter und kommunistischer Politiker, negative Lebensbilanz zieht, an Alzheimer leidet und nach einem missglückten Suizidversuch sein Haus verkaufen will.

Das ist viel, wenn nicht zu viel Stoff für ein Stück. Und Hand aufs Herz, zunächst lässt einen das Schicksal dieser Familie, zumindest so, wie Regisseur Thomas Dannemann es anfangs erzählt, eher kalt: So zwanghaft exaltiert lässt er die Leute bei diesem gut zweistündigen Kaffeeklatsch über Gott, die Welt, Demenz und Utopieverlust agieren.

Doch im Lauf des Abends ändert sich das. Der "rasende Stillstand" der Kushnerschen Farce, neulich in Mannheim deutsch erstaufgeführt, beginnt zu berühren. Nicht, weil viel gebrüllt wird und dabei eine Garibaldi-Büste zu Bruch geht, um die sich alle eben noch einträchtig zum Chorgesang scharten. Eher deshalb, weil die Regie in dieses Familientreffen immer wieder Abbrüche einbaut, stille, surreale Phasen: Etwa, wenn Gus, der lebensmüde Alte, seinen penibel geordneten, irdischen Paradiesgarten-Besitz betrachtet, der oft wie ein düsterer Dschungel aussieht - zu leisen Schreien oder fernen Trommeln aus dem Off. Zudem erkennt dieser kampferprobte Haudegen, dass sein lebenslanger Einsatz für die Schwachen angesichts neuer, größerer Ungerechtigkeiten sinnlos anmutet - eine Paraderolle für Ensemblegast Michael Rastl. Der Zadek- und Schaubühnen-Akteur, der schon unter Ivan Nagel in Stuttgart gespielt hat, zeigt diesen Gus als Zweifler, dem seine eigene Vergangenheit entgleitet. Als Gespenst auf der Flucht vor seinen eigenen, verblichenen Ideologien.

Es ist aber auch eine Chaostruppe, diese heillos zerstrittene Familie: So kann der schwule Sohn Pill, bei Marco Albrecht ein glühender Intellektueller, zwar Marxens "Kapital" zitieren, betrügt aber seinen angetrauten Freund profan mit einem Stricher. Überhaupt, das sehr spielfreudige Ensemble macht sichtbar, wie bei dieser schrillen Familie aus Anwälten und Theologen, Ex-Maoisten und Bauunternehmern Lebenslüge und Elend, Sinnsuche und Fortschrittsskepsis nah beieinander liegen.

Gut, das Stück wirkt oft geschwätzig.Doch die Art, wie Tony Kushner (Pulitzerpreisträger für "Angels in America") den "ganzen revolutionären radikalen subversiven hirnverbiegenden lebensverschlingenden Quark dieser wahnsinnigen Familie" ausbreitet (Stück-O-Ton), entwickelt einen Sog, der auch Zeitsymptome anspricht. Dannemann verzichtet diesmal auf spektakuläres Regie-Tralala und verdichtet den Text zu einem kompakten Drama: halb Familysoap, halb Thesentheater. Große Utopien, heruntergezoomt auf eine streitende Familie. So lässt sich Ideologiekritik auf der Bühne vermitteln - abgründig, humorvoll und lebensweise. Vor allem: geerdet mit dirty talk und boulevardeskem Charme.

Info Nächste Aufführungen am

24.,. 25., 27., 28., 29. und 30 September, Große Bühne Nord.

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