Im Höhenflug: Udo Lindenberg rockt die Schleyerhalle

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Nicht nur Panik-Alarm, sondern auch Pop-Ausnahmezustand in Stuttgart. Oben am Pragsattel verwandelten die Sportfreunde Stiller den großen Saal im Theaterhaus in eine Sauna, in der ausverkauften Porsche-Arena begeisterte DJ Bobo seine Fans. Natürlich war auch die Schleyerhalle beim Konzert von Udo Lindenberg mit 12 500 Fans bis zum letzten Platz gefüllt. Los ging der Countdown wegen des Rückstaus am Einlass zehn Minuten später, doch dann schien der Altmeister die Zeit reinholen zu wollen und drückte mächtig auf die Tube.

Durch die schwere See auf der gigantischen LED-Wand ging’s mit dem U-Boot mitten hinein in eine „Odyssee“, für die der Zeremonienmeister, eine dicke Zigarre schmauchend, vom Hallenhimmel herabschwebte. Dass man dieses Luftgefährt nicht als alternativen Treppenlift für den Chef einer Rentnerband verstehen darf, hatte Udo Lindenberg in den vergangenen Jahren bei seinen Stadionkonzerten gezeigt.

Der gerade 71 Jahre alt gewordene Deutschrocker ohne erkennbares Ablaufdatum ließ nichts anbrennen – mal abgesehen von den Zigarren, an denen er so oft zog, dass der Duft der großen weiten Udo-Welt selbst auf den Rängen wahrgenommen werden konnte. Oder waren es gegen später doch die coolen Leuchtefix-Socken, die zu qualmen begannen? Er war auf jeden Fall richtig unter Dampf. Der Panik-Kapitän machte sein Ding und konterkarierte seinen Songtitel „Einer muss den Job ja machen“. Nein, er muss nicht, er will: von den Fans getragen werden, Leidenschaft und Coolness versprühen, als Überflieger und anfassbarer Knutschmeister geliebt sein und weiterhin die Messlatte fürs Nuscheln und die Veränderung des Duden-Deutsch durch Udofizierung setzen.

Man kann sich diesen Hanseaten kaum elanlos vorstellen. Natürlich wird er bisweilen in seiner ewigen Hotelsuite im Atlantic nach zwei Eierlikörchen zuviel in den Sessel sinken, erst von der Zigarrenasche auf dem Hemd schreckhaft aufwachen und sich für einige Momente in einer Realität wiederfinden, in der Popularität keine Rolle spielt. Auf der Bühne bebt und lebt er, die „Thermik der Liebe“, die ihm die Fans  spürbar zukommen lassen, trägt ihn, lässt ihn wachsen, traben, tänzeln. Seine hyperaktive und zugleich routinierte Live-Gang treibt ihn zudem an.

Kunterbunte Turbulenz

Natürlich durfte man bei den Hallen-Konzerten nicht mit der geradezu überbordenden Opulenz der Stadion-Events rechnen – auch in Stuttgart hatten Udo Lindenberg und Freunde sensationell abgeliefert –, aber natürlich erlebte man bei Lindi live 2017 deutlich mehr als bei vielen anderen Kollegen. Ständige Kostümwechsel, die dauerhafte Nutzung des Laufstegs in Richtung Hallenmitte, elastische Latex-Enge und Rock-Klischees ohne Ende mit starken Lichteffekten, Foto-Nostalgie und bewährten Aha-Momenten wie der Landung des Gösebrecht-UFOs oder dem finalen Abflug des überirdischen Udos im Astronautenanzug fast direkt ins Stuttgarter Hotel.

Zuvor lieferte Udo ab: Beispielsweise mit dem immer ergreifenden „Cello“, dem neuen Gefühlsklassiker „Durch die schweren Zeiten“ oder „Plan B“, den Lindenberg ganz offensichtlich niemals hatte. Wie auch den Rechenschieber, der ihn über Kostendeckung hätte nachdenken lassen. ln seinen Shows geht fast alles. Immer neue Musiker traten auf oder rotierten solierend im Kreis, ein Kinderchor mit lauter kleinen Udos durfte genauso ran wie ein amtlicher Bläsersatz. Max Herre, der Stuttgarter, der ihn vor zwölf Jahren anrief und fragte, „ob man was zusammen machen kann“ und ihn fortan inspirierte, war in diesem illustren Umfeld mit einem Zwei-Minuten-Rap zufrieden.

Allein im Weltschmerz und der Populisten-Schelte verhob sich der Mann mit Hut ein wenig. Natürlich kann man vor einem Lied wie „Wozu sind Kriege da?“ gegen weltweite Jahresausgaben von 1,7 Billionen Dollar „für Waffen und Mordgeräte“ wettern und das Publikum ermutigen, keine „Armee der Stummen“ zu sein, aber waren in der Schleyerhalle die richtigen Adressaten für Protest und „Straßenfieber“? Beim Stück gegen Rassisten, Nationalisten und Demokratiezerstörer fiel den Video-Realisierern auch nicht mehr ein, als Trump, Le Pen, Erdogan und AfD-Akteuren Partyhütchen aufzusetzen. Wohl ehrlich gemeint, aber in diesen Zeiten zu kurz gegriffen.

Alle Nachdenklichkeit wurde im dritten Teil der kapitalen Show dann sowieso abgelegt. Nun regierte nur noch kunterbunte Turbulenz. Party, Megasause, Honky Tonky bis zum Abwinken: Der Sonderzug raste mit Johnny Controletti über die Reeperbahn bis zur Andrea Doria. Ein Drunter und Drüber, bei dem nur noch choreografische Leitlinien beachtet wurden. Und als Udo Lindenberg nach zweieinhalb Stunden Rock-Euphorie und Pop-Taumel als Udonaut von der Bühne abhob, wusste man wieder einmal: Dieser Mann ist wahrlich stärker als die Zeit.

Für sein Bestseller-Album „Stärker als die Zeit“ und „Stärker als die Zeit Live“ bekam Udo Lindenberg im April Doppelplatin – nahezu 500 000 Einheiten hatten sich davon verkauft. Außerdem wurde es als Album des Jahres mit dem Echo ausgezeichnet, Udo Lindenberg wurde Anfang April einmal mehr auch als bester „Künstler Pop National“ geehrt. Nicht zuletzt auch wegen zahlloser ausverkaufter Stadionkonzerte, mit denen das jüngste Album live dargeboten wurde. udo

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