Hermann Jehles Buch „Blutströpfchen“: Voll Herz, Hirn und Humor

In „Blutströpfchen – zwischen Iller und Rhein“ blickt Hermann Jehle zurück. Auf seine Kindheit, seine Lieben sowie Flora, Fauna und Besiedelung der Region vor 80 Jahren.

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  • Autor Hermann Jehle aus Dietenheim. 	1/3
    Autor Hermann Jehle aus Dietenheim. Foto: 
  • Das Cover des Buchs ziert ein Aquarell eines „Blutströpfchens“ oder Bachnelkwurz, Lateinisch geum rivale, von Hermann Jehle, der dazu auch Zeichnungen und Fotografien beisteuerte. 2/3
    Das Cover des Buchs ziert ein Aquarell eines „Blutströpfchens“ oder Bachnelkwurz, Lateinisch geum rivale, von Hermann Jehle, der dazu auch Zeichnungen und Fotografien beisteuerte. Foto: 
  • Einem kleinen Fuchs wie diesem war Hermann Jehle einst die „Mutter“. Das beschreibt er in seinem neuen Buch. 3/3
    Einem kleinen Fuchs wie diesem war Hermann Jehle einst die „Mutter“. Das beschreibt er in seinem neuen Buch. Foto: 
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„Der Tag war heiß mit einem knallblauen Himmel, der die Augen schmerzte.“ So beginnt die Geschichte mit dem recht harmlosen Titel „Erinnerung an Mäxle“. Die entpuppt sich bald als einer der Höhepunkte in Hermann Jehles Buch „Blutströpfchen – Zwischen Iller und Rhein“, das jetzt im Self-Publishing-Verlag Twentysix erschienen ist. Denn Mäxle ist kein Kanarienvogel, wie man meinen könnte, sondern ein „braungraues Wollbällchen mit schwarzen, spitzen Öhrchen“ – ein Fuchswelpe.

Der einzige Überlebende seines Wurfs war dem Autor in seiner Jugend vom Jäger übergeben worden. Er fütterte das winzige, zitternde Geschöpf mit den blauen Augen mit dem Puppenfläschchen seiner Schwester, kraulte ihm den Bauch – und war ihm fortan  „seine Mutter“. Bis er ihn als „stattlichen, schlanken Rotrock“ wie erhofft auswildern konnte. Die Geschichte dieser Freundschaft zwischen Wildtier und Mensch erzählt der heute 88-jährige Dietenheimer so detail- wie kenntnisreich, voller Herz, Hirn und Humor.

Das Buch, dessen Cover sein Aquarell der titelgebenden Blume ziert – ein „Blutströpfchen“ oder Bachnelkwurz –, die früher im Illertal und heute noch im Allgäu vorkommt, beginnt mit den „bescheidenen, oft nur kirchturmhohen Bergen des Illertals“, die vor 60 Jahren noch von einem hochstämmigen Fichtenwald bewachsen waren. Die Nadeln ließen zu Zeiten, da Jehles Heimatdorf noch „weniger Einwohner aber mehr Brauereien“ hatte, die Hänge für Kinder zur flotten Rutschbahn werden. Der langjährige Lehrer erzählt vom Verschwinden seines Hundes in einer Kühlhöhle ebenso wie von „fürchterlichen, ,beißigen’ Wollstrümpfen“, vom Schlittschuhlaufen auf dem heimischen Weiher und Ausflügen in den Schwarzwald, wo sein Vater herkam.

Sehnsüchtig, nie bitter, blickt er mal poetisch, mal stakkatohaft, mal mittels proustscher Synästhesie auf sein Leben zurück; mischt präzise Naturbetrachtung mit Regional- und Familiengeschichte, Sagen und Heimatdichtung mit Überlegungen zum Wandel der Zeit; erzählt von Hänflingen (einer Finkenart), Birlingen (zum Trocknen aufgeschichtetem Heu) und Huchen (einem Raubfisch). Das ist interessant, lehrreich und nachvollziehbar schön zu lesen – insbesondere, wenn er Schwäbisches für Nicht-Schwaben übersetzt und für Tierlaute allerlei Onomatopoeia schafft: von „teckedüüü“ bis „gäck-gäck“.

In den 28 Erzählungen, die Jehle über viele Jahre hinweg gesammelt und aufgeschrieben hat, die sein Sohn Hans Jehle nun korrekturgelesen und seine Tochter Bärbel Kurz sorgfältig gesetzt und auf 295 Seiten layoutet hat, kommt Mäxle übrigens mehrfach vor: einmal in Prosa, einmal in Reimform und auf diversen Schwarzweiß-Fotos, mit denen der Autor sein Buch zusätzlich zu seinen Zeichnungen illustriert.

Der Autor Hermann Jehle, geboren am 14. Oktober 1928 in Ersingen bei Pforzheim, studierte Zahnmedizin, bevor er auf Lehramt umsattelte. Nach einer Zeit in Königsbronn kehrte er nach Dietenheim zurück, wo er aufgewachsen war. Der Vater dreier Kinder war als teilweise unkonventioneller Volksschullehrer beliebt, konnte aber Grafik-Designerin Bärbel Kurz zufolge „als Vater wie als Lehrer  auch streng sein“. Der belesene Tierfreund, Hobby-Ornithologe und Autor des Radiobeitrags „Kindertage an der Iller“ (SWF, 1984) und des Romans „Die Mühle im Illergries“ (2000) nahm noch mit 80 Jahren an einem Poetry Slam teil.

Das Buch „Blutströpfchen“, ISBN 978-3-74072-746-8, 22 Euro.

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