Heimkehr einer Rumpfexistenz

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Der Jude Dr. Richard Kornitzer, so heißt die Hauptfigur in Ursula Krechels neuem Roman "Landgericht", kehrt 1948 als Displaced Person nach zehnjähriger Odyssee zurück aus Kuba. Bereits 1933 wurde der Gerichtsassessor am Landgericht Berlin in den Ruhestand versetzt, die Restriktionen und Gängeleien nahmen nach und nach zu. Dass er mit der "Arierin" Claire, einer modernen, selbstbewussten Geschäftsfrau, verheiratet ist, schützt ihn zunächst noch - aber spätestens Ende der 30er wird die Situation immer bedrohlicher. Ihre beiden Kinder Georg und Selma schicken sie per Kindertransport nach England, um sie zu schützen und ihnen eine Zukunft zu ermöglichen. Die Pläne, ihnen nachzufolgen, scheitern. Kornitzer lernt in Kuba Spanisch, erledigt Hilfsarbeiten für einen Anwalt, gerät in eine Emigrantenszene aus Kommunisten und Sozialisten.

Ursula Krechel schildert diese Welt aus "transitorischen Existenzen" äußerst eindringlich, anknüpfend an Peter Weiss "Ästhetik des Widerstands". Dabei verflicht sie Dokument und Fiktion so, dass man immer auch die Nähte sehen kann. Dieses Verfahren der Collage prägt wie schon ihren letzten Roman "Shanghai fern von wo" auch dieses Buch: Man merkt ihm die enorme Sachkundigkeit der Autorin an, auch die Akribie, mit der sie ihre Leser über das Gefundene unterrichtet, um es mit dem Erfundenen kunstvoll zu verbinden.

Kornitzer kehrt als gebrochener Mann zurück - als "Rumpfexistenz". Und zugleich möchte er am Aufbau eines anderen Deutschland mitwirken. Zunächst scheint ihm der Weg zurück offen zu sein. Er bekommt eine Stelle am Landgericht. Aber bereits die Bürde, mit ehemaligen Mitläufern und jenen "furchtbaren Juristen" des Dritten Reichs zusammenarbeiten zu müssen, lastet schwer auf ihm. Die Forderungen nach Wiedergutmachung werden nur schleppend oder gar nicht bearbeitet. Und die Zerrissenheit der Familie zeigt sich deutlich in der Entfremdung der in England aufgewachsenen Kinder, die nicht zu den Eltern zurückkehren wollen. Der Kampf ums pure Überleben weicht Verzweiflung. Und der traurigen Erkenntnis, allein zu sein mit seinen Erfahrungen. Kornitzer wird darüber zu einem Kohlhaas, der Petition um Petition schreibt, Klage um Klage erhebt, schließlich aber zusehends verbittert, sich quält, krank wird, am Körper und an der Seele

Die 1947 in Trier geborene, in Berlin lebende Ursula Krechel arbeitet intensiv mit dem Archiv und hält uns ihre Fundstücke nicht vor. Die Klarheit des Faktischen wird in Literatur verwandelt: Das Zeithistorische reichert sie an mit Leben; jene Lücken, die von den Akten belassen oder erst aufgerissen werden, füllt Krechel einfühlsam und dezent.

Das macht die Qualität von "Landgericht" aus: Es wird nicht alles in Erzählung aufgelöst. Es ist gerade die große Leistung dieses Romans, eine Geschichte zu erzählen und tausend andere Geschichten mitzubedenken. Deshalb muss sich dieser Roman immer wieder vom Einzelnen entfernen, wegzoomen von Claire und Richard, um sie dann umso schärfer wieder in den Blick nehmen zu können. Und so jenen ein Denkmal zu setzen, die in Geschichtsbüchern nur als statistische Größe einen Auftritt haben.

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