Hast du noch Töne?

Wer bestimmt das Geschehen: der Mensch oder die Maschine? Das war ein großes Thema bei den Donaueschinger Musiktagen. Proteste gab es gegen die Menschen wegsparende Orchesterfusion des SWR.

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Cello und Playstation, verpixelte Musik: Stefan Prins Uraufführung "Generation Kill" in Donaueschingen. Foto: dpa

In der Baarsporthalle hatten sie vor vielen Jahren mit dem Vorschlaghammer auch mal eine Tuba plattgemacht. Das war ein Free-Jazz-Happening gewesen. Jetzt mussten ein Cello und eine Geige dran glauben. Aber ernsthaft. Da wartete beim Eröffnungskonzert der Donaueschinger Musiktage das Publikum auf den Dirigenten Rupert Huber, doch dann eilte ein junger Mann aufs Podium, griff sich im Orchester besagte Streichinstrumente, verknotete sie mit ihren Saiten zum Holzkreuz und hob dieses mahnend in die Höhe: "Wollen Sie auf diesem Instrument spielen? So sieht die Fusion zweier historischer Klangkörper aus!"

Johannes Kreidler protestierte derart im Auftrag der Gesellschaft für Neue Musik, so erklärten Flugblätter. Um seiner Anklage gegen den Südwestrundfunk (SWR), der seine beiden großen Sinfonieorchester von 2016 an aus Spargründen fusionieren will, Nachdruck zu verleihen, zertrümmerte Kreidler das Cello und die Geige (offenbar nicht sonderlich wertvoll) auf dem Boden. Und als ein um Fassung ringender Armin Köhler, SWR-Redakteur für Neue Musik und Programmchef in Donaueschingen, am Mikrofon darum bat, mit keinen weiteren Aktionen das Konzert zu stören, erntete er böse Rufe aus den Zuschauerreihen: "Sie Banause, abtreten!" Eine schizophrene Situation: Da veranstaltet der Südwestrundfunk das weltweit bedeutendste Festival für zeitgenössische Musik, dessen Komponisten mit ihren Werken immer auch politische Bekenntnisse ablegen, aber dann erledigt dieser öffentlich-rechtliche Sender selbst sein dort auftretendes, weltweit geachtetes Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg - und Köhler muss offiziell eine gute Miene zum bösen Spiel machen.

Die Orchesterfusion - natürlich, sie war ein empörendes Thema in Donaueschingen. Dabei war das Programm an den drei Tagen mit zahlreichen Konzerten und Klang-Installationen und weit mehr als 20 Uraufführungen von Künstlern aus 15 Nationen so erfrischend, jung, unverkrampft, offen, ja heiter und von Selbstironie durchzogen wie nie. Und paradox: Ausgerechnet in diesem Herbst der Orchesterdebatte beschäftigte sich das Festival mit der Allgegenwart von Technik in der Kunstproduktion: Low-Tech und High-Tech, analog und digital, akustisches Ensemble und technologische Apparatur, Live-Aktion und gespeicherte Realität - mit solchen Gegensatzpaaren hatte Armin Köhler die Kompositionsaufträge gefüttert, er schaltete damit für die musikalische Praxis so manchen Computer und Laptop an. Und auch die E-Gitarre oder die elektrische Nähmaschine im Konzert mit dem Ensemble Nikel aus Israel, das nicht nur in Malin Bangs "kobushi burui" wie eine Heavy-Metal-Gruppe der Avantgarde loslegte.

"Wer bestimmt das Geschehen: der Mensch oder die Maschine?" Das war in Donaueschingen eine um so brennendere Frage, weil rein menschenbesetzte Klangkörper beim SWR zur Disposition stehen. Aber gerade der 1980 geborene Johannes Kreidler, der You-Tube-Generation angehörend, sagt verstörend: "25 Posaunen, 108 Klaviere, kein Problem. Wenn ich 30 Gitarren brauche, nehme ich sie mir: Ich nehme sie auf, als Audio und Video." Völlig frei und spielerisch geht er mit dem Material um. Seine Komposition "Der ,Weg der Verzweiflung" (Hegel) ist der chromatische" war als kreatives Anything-Goes-Spektakel zu erleben, zusammengesetzt aus einer Menge Internet-Müll. Aber wenn das belgische Nadar-Ensemble lustvoll diese Software-Musik für auch neun reale Instrumente so spielt, dass es groovt bis zum letzten Hammerschlag auf die Flügel-Saiten, weiß man, dass der Mensch dann doch gesiegt hat über die Maschine. Theatralisches gab es auch im Konzert des Ensembles asamisimasa: Die Norweger begeisterten mit Trond Reinholdstens hintersinniger, mitreißender Avantgarde-Comedy "Musik" aus Video und Live-Kommentar.

Hast du noch Töne? Elektronik heißt: von komplexen Klangexperimenten und gepixelter Musik (Stefan Prins "Generation Kill") bis zum Wellness-Sound. Und wenn der Strom ausfällt, der Stecker gezogen wird? Altmodisch waren die Werke im Eröffnungskonzert mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg nicht, eher klassisch: Martin Smolkas "My My Country" und auch Arnulf Herrmanns "durchbrochene Arbeit".

Und Helmut Oehrings neues Werk "schienen wie Wellen in lange Auge (Saf Haki/Wörter in die Luft" (sic!) ist ein Stück über den Kampf um die Freiheit, der auch ein Kampf und ein Ringen um das Wort und den Ausdruck ist - von der Gebärdensprache über die Stimmakrobatik (David Moss) bis zum chorischen Signal (SWR Vokalensemble). Da spielen die Streicher im Stehen eine Demonstration, und der eingeschobene, von einem Oud-Spieler begleitete Auftritt einer Syrerin, die von der politische Lage ihres Heimatlandes spricht, ist ein Akt der Solidarität. Ein ganz menschlicher.

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