Grüner Tee statt schwarzer Gedanken

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Ein Mann, Mitte 40, hat einen schlechten Traum. Das kommt vor. Gilbert Silvester, ein prekär beschäftigter Kunsthistoriker, aber träumt nicht nur, dass seine Frau Mathilda ihn betrügt – er verlässt sie sofort und bucht den nächsten Interkontinentalflug. Eine Seite in Marion Poschmanns Roman „Die Kieferninseln“ später trinkt Gilbert schon grünen Tee im Airbus nach Tokio.

Und dann landet er im aufgeräumten Japan, dieser besserwisserische, ignorante Privatdozent, dessen aktuelles Drittmittelprojekt „Bartmode und Gottesbild“ von der nordrhein-westfälischen Filmindustrie, einer feministischen Organisation in Düsseldorf und der jüdischen Gemeinde der Stadt Köln gefördert wird. Ein Experte für Bartfrisuren ausgerechnet in Japan? „Wer mit Bart auf die Straße trat, hatte an diesem Tag augenscheinlich das Bad nicht regelkonform benutzt und war einfach nur ungewaschen, ein Horror im Land des Purismus.“ Gilbert findet ein anderes Forschungobjekt: sein Ich. Klar, der Mann ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Trotzdem nimmt er die Umwelt wahr, hat er einen Sinn für die Schönheit der Natur.

Pilgerreise zum eigenen Ich

Rasant beginnt dieser Roman. Leicht und klar, aber sehr tiefsinnig schickt die 1969 in Essen geborene und in Berlin lebende Autorin ihren alltagsverwirrten wie  seelenkranken Helden zur Pilgerfahrt nach Fernost. Und zwar auf den Spuren des klassischen Haiku-Dichters Matsuo Bashô, der sich im 17. Jahrhundert nach dem Mond von Matsushima gesehnt und eine Wanderung voller Mühsal in den Norden Japans auf sich genommen hatte: zur sagenhaften Bucht der Kieferninseln.

Bashô ist Gilberts Reiseführer –  und auch einen Begleiter findet dieser. Besser gesagt: Auf dem Bahnhof von Tokio hält er den Studenten Yosa davon ab, sich auf die Gleise zu legen. Fortan kümmert sich Gilbert, den der Leser ja als den eigentlich Lebensmüden in diesem Roman identifiziert zu haben glaubte, um den selbstmordgefährdeten jungen, unterwürfigen Japaner.

Mit feinem Humor erzählt Marion Poschmann diese Geschichte, sie setzt viele Pointen.  Es ist ein teils skurriler, auch ein landeskultureller Trip durch Japan – die Autorin selbst hat einige Zeit dort gelebt. Es geht um keine Beziehungskiste, kein Ehedrama, Gilbert schreibt nur regelmäßig beflissene Briefe an Mathilda nach Deutschland. Er ist zunehmend mit der gewissermaßen traumverlorenen Betrachtung der Natur beschäftigt. Bäume statt Bärte. Und Menschen. Und so beeindruckt dieser so lakonisch gestartete Roman bald mit großer Poesie.

Gestern wurde gemeldet, dass Marion Poschmann den mit 30 000 Euro dotierten Berliner Literaturpreis erhält – und der Deutsche Buchpreis, auf dessen Shortlist „Die Kieferninseln“ stehen und der am Montag vergeben wird? Reichen 168 Seiten aus für den „Roman des Jahres“? Man wird sehen.

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