Gestalter des Raums

Er ist Deutschlands erfolgreichster Ausstellungsmacher in Sachen Architektur. Nun tritt Professor Winfried Nerdinger, Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München, in den Ruhestand.

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Eine neue Aufgabe wartet schon auf ihn: Winfried Nerdinger, der scheidende Direktor des Architekturmuseums in München. Foto: Hanskarl von Neubeck

Jede Stadt ist, ob gewollt oder nicht, eine Zurschaustellung von Architektur, von guter oder schlechter. Müssen da Architekturausstellungen in geschlossenen Räumen nicht vergleichsweise papiertrocken, leblos erscheinen? Wer so fragt, hat keine der Ausstellungen gesehen, für die Winfried Nerdinger verantwortlich gewesen ist.

Unter seiner Leitung hat das Architekturmuseum der Technischen Universität München Ausstellungen geboten, die mit einem spannend aufbereiteten Thema glänzten und mit einer Präsentation, bei der die dritte Dimension eine wesentliche Rolle spielte.

Architektur ist die Gestaltung von Raum, weswegen Architekturausstellungen nicht primär auf "Flachware" setzen und nicht der Leitlinie folgen sollten: immer an der Wand lang, von Grundriss zu Aufriss, von Aufriss zu Grundriss. Bei Ausstellungen à la Nerdinger ist ein Raumerlebnis garantiert, mit großen Modellen als Hauptelementen. Die entfalten eine mobilisierende Wirkung, weil man Modelle umrunden kann und der Besucher so nicht zum Statisten degradiert wird wie bei der Konfrontation mit Plänen, die ein Laie ohnehin nur schwer durchschaut.

Zwei große Architekturmuseen gibt es in Deutschland: das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt und das Museum in München, dessen Lage gar nicht besser sein könnte. Seine Ausstellungsflächen liegen im Erdgeschoss der Pinakothek der Moderne, eines Publikumsmagneten mit den Sparten Malerei, Grafik, Design und Architektur. Die 2002 eröffnete Pinakothek ist ein ideales Schaufenster (dort wurden seither 42 Architekturausstellungen gezeigt). Nicht weniger wichtig ist der universitäre Hintergrund des Architekturmuseums.

500 Meter von der Pinakothek entfernt steht die TU München, wo Nerdinger seit 1986 als Professor für Architekturgeschichte geforscht, gelehrt und als Museumsdirektor die Synergieeffekte genutzt hat. In Seminaren wurden gemeinsam mit den Studenten für das Ausstellungsprogramm relevante Themenfelder beackert und wissenschaftliche Recherche geleistet. Ohne die Mitarbeit der Studenten wäre es auch nicht möglich gewesen, für die Ausstellungen eine solche Fülle von Modellen zu bauen.

Nerdinger hat Themen gesetzt. Ausstellungen, die weltläufigen "Stararchitekten" huldigen, interessieren ihn weniger. Große Gesten sind diesem Mann fremd, dessen Sprachfärbung die Herkunft aus dem bayerischen Schwaben verrät (Burgau, Jahrgang 1944). Kerzengerade steht er da, die Sachlichkeit in Person, geprägt vom Bauhausgeist. "Le Corbusier und das Gedicht vom rechten Winkel" hieß eine seiner letzten Ausstellungen. Umso mehr war Nerdinger überrascht, als 2010 die großartige Ausstellung "Geschichte der Rekonstruktion - Konstruktion der Geschichte" zu rabiaten Angriffen führte, das Architekturmuseum begehe damit Verrat an der Moderne.

"Eine Kopie ist kein Betrug, ein Faksimile keine Fälschung, ein Abguss kein Verbrechen und eine Rekonstruktion keine Lüge", hatte der Architekturprofessor geschrieben und die Position vertreten, dass es angemessen sein kann, einen "Erinnerungsort" wie das Geburtshaus Goethes in Frankfurt, das 1944 zerstört worden war, wieder herzustellen, auch um den Preis, dass hinterher viele Besucher einer Sinnestäuschung unterliegen und die Rekonstruktion für das Original halten. Entscheidend sei, wenn es um Rekonstruktionen gehe, der Wille der Bürger, betont Nerdinger. In Fragen der bildenden Kunst (darf ein bestimmtes Bild vom Museum gekauft werden oder nicht?) sind für Nerdinger Abstimmungen ausgeschlossen. Der öffentliche Raum dagegen, der sei Sache der Bürger.

Für den Direktor des Architekturmuseums beginnt Ende September der Ruhestand. Aber er bleibt natürlich aktiv - nur 400 Meter vom alten Wirkungsort entfernt. Dort, an der Brienner Straße, wartet eine Baustelle der besonderen Art: ein Erinnerungsort, diesmal ganz und gar negativ besetzt. Nerdinger selbst war es, der Ende der 80er Jahre die Stadt München aufgefordert hatte, ihre tiefbraune Vergangenheit als "Hauptstadt der Bewegung" zu thematisieren. Nun ist ein NS-Dokumentationszentrum im Bau, und Nerdinger wird bis zu dessen Eröffnung - geplant ist 2014, aber der Termin wackelt - die Aufgaben des Gründungsdirektors übernehmen.

Der Wissenschaftlerin, die man ursprünglich berufen hatte, war es nicht gelungen, ein überzeugendes Ausstellungskonzept vorzulegen. Wo lag das Problem? Bei der räumlichen Umsetzung der Ausstellungsinhalte. Nun springt Winfried Nerdinger ein. Man hätte für die "Darstellung im Raum" keinen klügeren Kopf finden können.

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