Geschmacksverstärker braucht er nicht

Armin Petras, Intendant des Maxim-Gorki-Theaters, zeigt zum 150. Geburtstag von Gerhart Hauptmann eine Bühnenfassung der Novelle "Bahnwärter Thiel". Hauptmann sei mehr als ein Naturalist gewesen.

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Gerhart Hauptmann 1942, vier Jahre vor seinem Tod. Foto: epd

Warum haben Sie sich für den "Bahnwärter Thiel" entschieden und nicht für eines von Hauptmanns großen Dramen?

ARMIN PETRAS: Hauptmann ist einer meiner favorisierten Autoren. Weil er eben nicht nur Naturalist ist, wie behauptet wird - sondern ich bin der Meinung, dass er zumindest im "Bahnwärter Thiel" auch expressionistisch ist. In dieser Prosa versteckt sich Dramatik. Ich glaube, dass sich das gut im Theater abbilden lässt. Davon abgesehen, ist es natürlich eine Berlin-Geschichte und eine Liebesgeschichte, was beides eine schöne Sache ist. Hauptmann ist nicht nur ein Naturalist, sondern jemand, der in die Seele der Menschen hineingeschaut hat.

Was macht Gerhart Hauptmann auch heute noch derart aktuell?

PETRAS: Es ist der Blick in die Geschichte. Wo kommen wir her? Es sind alles urdeutsche Stoffe. Die Abbildung unserer Großeltern wirft auch ein Licht auf das Heute. Das ist sehr, sehr spannend. Aber es ist auch der Umgang mit Sprache - mit diesen verschiedenen Dialekten der verschiedenen sozialen Schichten. Es gibt heute leider sehr, sehr wenige Autoren, die in der Lage sind, wie in "Der Biberpelz" oder "Vor Sonnenaufgang" ein komplettes soziales Panorama abzubilden - das heißt, verschiedene soziale Schichten in einem Stück zusammenzufassen.

Ist Hauptmann für Sie auch ein moralischer Autor, der seinen Lesern und Zuschauern indirekt Ratschläge mit auf den Weg gibt?

PETRAS: Das finde ich eigentlich gar nicht. Er ist eher ein nüchterner Mensch, der analysiert. Hauptmann sagt: So sieht die Wirklichkeit aus, das ist ein Beispiel. Nicht umsonst steht unter der Erzählung "Bahnwärter Thiel" als Untertitel "Studie". Es ist also fast eine medizinische, psychologische Studie. Das hilft sehr. So kommt man nicht in die Lage, dass man Geschmacksverstärker hinzufügen muss. Sondern man versucht einfach, eine Story zu beschreiben, so wie sie geschehen sein könnte. Dann kann man zu sich selbst zurückkommen und sich fragen: Was interessiert mich an der Geschichte? Was hat heute noch Bestand und was ist veraltet?

Wie löst ein typischer Hauptmann-Mensch seine Konflikte?

PETRAS: Die Figuren gehen den radikalstmöglichen Weg. Beim "Bahnwärter Thiel" sterben drei Menschen und eine Figur geht in die Irrenanstalt.

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