Gefühlvolle Kämpferin

Isabel Allende gilt als die Grande Dame der lateinamerikanischen Literatur. Heute feiert sie 70. Geburtstag. In ihrem neuesten Werk taucht sie in die Gedankenwelt einer 19-jährigen Ex-Drogensüchtigen ein.

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    Mit "Das Geisterhaus" wurde die Schriftstellerin Isabel Allende berühmt. Foto: Lori Barra
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Mit zerschlissenen Jeans und rosa angesprühten Springerstiefeln landet Maya Vidal auf einer gottverlassenen Insel im Süden Chiles. Die Großstadtgöre aus Kalifornien ist auf der Flucht. Vor Gangstern, Cops und Drogensumpf. Im abgelegenen Chiloé entdeckt sie das Land ihrer Großmutter, seine urwüchsige Schönheit, seine Menschen und seine archaischen Mysterien.

Isabel Allendes Romanneuling, der nun pünktlich zum 70. Geburtstag der Autorin in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erscheint, ist eine Geschichte zwischen den Kulturen. Chile hat "Mayas Tagebuch", so der Titel, ähnlich viel mitgegeben wie die USA, wo die Nichte des sozialistischen Ex-Präsidenten Salvador Allende nach Exilstationen in Venezuela und Spanien ihre zweite Heimat gefunden hat.

Bemerkenswert ist an dem Buch die quietschfreche Sprache, die Allende ihrer jungen Heldin dabei in den Mund legt. Respektlos und abgeklärt begegnet Maya dem politisch-korrekten Späthippietum ihrer Großmutter und der hedonistischen Verantwortungslosigkeit des Vaters, was den Band zu einer für Allende ungewöhnlich komischen Lektüre macht. Gleichwohl kehrt die Autorin auch zu ihren Lebensthemen zurück: Staatliches Unrecht, Flucht und Widerstand. Dinge, die die gelernte Journalistin unter Pinochet am eigenen Leibe erfuhr.

Spätestens seit Allende mit ihrem ergreifenden Familienepos "Das Geisterhaus" (1982) zur meistgelesenen Autorin spanischer Sprache aufstieg, hat sie es immer wieder vermocht, Geschichte in persönlichen Schicksalen zu spiegeln. Der frühe Erfolgstitel, der mit Meryl Streep, Winona Ryder und Antonio Banderas verfilmt wurde, begleitet vier Generationen durch die politischen Wirren Südamerikas im 20. Jahrhundert. Vorbilder für Esteban und Clara Trueba aus dem Roman waren die eigenen Großeltern.

Trotz der erlebten und literarisch geschilderten Brutalitäten verfällt Allende nie der Bitternis. Der sinnenleichte Zauber ihrer Prosa rührt auch daher, dass sie präzise Figurenpsychologie und Wirklichkeitsbeobachtung mit Spuren lateinamerikanischer Mythen vermählt. Die Götter der Anden, die Geister des Urwalds und die Fabelwesen des Meeres - sie leben fort im Magischen Realismus Allendes. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, ist in "Mayas Tagebuch" von dem Geisterschiff Caleuche die Rede, von dem Seelöwenmensch Millalobo, der bei Flut die Schwimmer entführt, oder dem Macu·, dem Hemd aus Leichenhaut, das seinem Besitzer die Gabe fliegen zu können verleiht.

Bis zu zehn Stunden zieht sich Allende täglich zum Schreiben in den Gartenpavillon ihres Hauses bei San Francisco zurück. Mit dieser eisernen Arbeitsdisziplin sind seit 1982 rund zwei Dutzend Romane beziehungsweise Erzählsammlungen entstanden. Sie prangern die Zerstörung der Regenwälder an ("Die Stadt der wilden Götter"), die Sklaverei in der Karibik ("Die Insel unter dem Meer") oder holen die Mystik aus 1001 Nacht in Südamerikas Dschungel ("Geschichten der Eva Luna").

Obschon Kritiker Allende einen Hang zu trivialer Gefühligkeit vorwerfen, bietet ihr Oeuvre mehr als seichte Muse. Sie war und ist die Stimme derer, die die Militärjunta unbarmherzig zum Schweigen bringen wollte. Schon als Journalistin führte sie mit Stift und Papier den Kampf ihres Onkels für Freiheit und soziale Gerechtigkeit fort. Und für die Gleichheit der Geschlechter. Immer wieder rücken starke Frauen in den Fokus, die es ebenso trotzig wie listenreich mit dem Machismo aufnehmen.

Auch die Heldin des aktuellen Buches lässt sich weder von einem Vergewaltiger noch von der Mafia unterkriegen. "Mayas Tagebuch" ist streng genommen der Bericht eines einzigen Jahres, doch dank eingestreuter Rückblenden erweitert er sich zu einem Erzählpanorama, das Ereignisse vom Sturz Allendes bis zum 11. September 2001 und dem Golfkrieg grandios verwebt. Allende erzählt erfrischend aus der Perspektive der Facebook-Generation, was umso mehr Spannung entwickelt, je deutlicher wird, dass Maya vor ihren Verfolgern selbst im fernen Süden nicht sicher ist. Denn Isabel Allende, die Poetin tiefgründiger Urwaldmythen und melodramatischer Zeitromane, beherrscht auch das hart gesottene Handwerk des Thrillers.

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