Evolution statt Revolution bei den Schwetzinger SWR Festspielen

Alte und moderne Musik – damit  sind die Schwetzinger Festspiele groß geworden. Unter neuer Leitung soll die Verbindung noch enger werden.

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Die Schwetzinger Festspiele des Südwestrundfunks (SWR) biegen auf die Zielgeraden ein. Diese 65. Saison markiert eine Zäsur, denn die künstlerischen Leiter Georges Delnon und Marlene Weber-Schäfer verabschieden sich. Während Opernchef Delnon sich als Intendant ganz der Hamburgischen Staatsoper widmen will, freut sich die künstlerische Leiterin der Konzerte auf ihren Ruhestand.

Beide haben sich der Schwetzinger Dramaturgie verpflichtet gefühlt. Die setzt auf Neues, auf Experimente. Man gräbt vergessene Stücke der Alten Musik aus und konfrontiert sie mit zeitgenössischen Kompositionen, oft Uraufführungen. Auch bei der Auswahl der Künstler geht man diesen Weg konsequent: Während junge Solistinnen und Solisten eingeladen werden, um sich auszuprobieren, lassen sich etablierte Stars auf ungewöhnliche Programme ein.

Marlene Weber-Schäfer hat die Festspiele vier Jahre geleitet. Dabei hat sie ein Gesamtkonzept entwickelt: „Klangraum Europa“. Als sie sich auf ihr Amt vorbereitete, grassierte die Finanzkrise. Die „Idee Europa“ schrumpfte auf wirtschaftliche Fragen zusammen. Weil sie Europa als Friedens- und Ideengemeinschaft als eine ungeheuerliche Errungenschaft ansieht, wollte Weber-Schäfer die kulturelle Identität der Europäer in den Blick nehmen.

Von Schwetzingen richtete sie den Blick in alle vier Himmelsrichtungen. Zum Abschluss war in diesem Jahr bei acht Konzerten Europas Norden im Visier. Von dort kamen so unterschiedliche Ensembles wie das Trio Mediaeval: Drei junge skandinavische Frauen singen norwegische, schwedische und isländische Lieder in einer ungeheuren Klangschönheit. Oder The Danish String Quartet, das mit einer faszinierenden Energie Werke des zeitgenössischen dänischen Komponisten Per Nørgård und Carl Nielsens mit Ludwig van Beethovens zweitem Rasumowsky-Quartett zusammentreffen ließ.

Die vier jungen, wilden Herren beeindruckten mit Spielfreude wie Unbedingtheit des Ausdrucks. Zumal technische Schwierigkeiten kein Thema für sie zu sein schienen. Wenn das Helsinki Baroque Orchestra Sinfonien des in dänischen Diensten stehenden Joseph Martin Kraus mit Schubert kontrastierten so nahm das herausragende Klavierduo Tal & Groethuysen Schuberts Musik wieder auf. Atemberaubend in ihrer Feinfühligkeit und Stilsicherheit ist ihre Interpretation der Schubertschen Introspektion.

Einen Blick nach innen erlebte man auch bei der Uraufführung der Oper: „Koma“ heißt das Werk des Komponisten Georg Friedrich Haas und seines Librettisten Händl Klaus. Auf der Bühne eine Intensivstation, in der eine Wachkomapatientin liegt. Um ihr Bett Familie, Freunde und Ärzte. Was im Kopf der Patientin vorgeht, ahnt man gemeinhin nur. In Schwetzingen erlebt man es: Der Zuschauerraum, die Bühne, der Graben werden mehr als die Hälfte der Aufführung komplett verdunkelt. Man sieht nichts und hört die Vokalisen einer Frau, die sich nicht mehr artikulieren kann. Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart entfesselt in absoluter Dunkelheit eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Einsätze kann Dirigent Jonathan Stockhammer nicht mehr geben. Die Musiker müssen auf ihre Mitspieler nach Gehör reagieren. Es ist ein abgründiges Musiktheater, das die Besucher existenzielle Erfahrungen spüren lässt.

Um Existenzielles geht es auch bei der Opernausgrabung „Veremonda“ von Francesco Cavalli: Ein Krieg wird ausgesetzt, weil sich der Feldherr und die verfeindete Königin nachts zu Liebesstunden treffen. Cavalli hat diese Oper 1652 geschrieben. Seither war sie vergessen. In Schwetzingen haben sie Gabriel Garrido, der sich krankheitsbedingt am Pult des Concerto Köln von seinem musikalischen Assistenten Andrés Locatelli vertreten lassen musste, und Regisseurin Amélie Niemeyer zum Leben erweckt. Cavallis Musik ist ein Wurf, so dicht, so affektgeladen, dass man jede Minute auf der Stuhlkante sitzt.

Altes und Neues auf der Operbühne wie im Konzertsaal: Ein  Höhepunkt der Saison waren die sechs Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach. An einem Abend präsentierte sie der junge französische Ausnahmecellist Jean-Guihen Queyras. Er hat sich von sechs zeitgenössischen Komponisten noch sechs Préludes zu den Suiten schreiben lassen. So setzt jede Suite mit einer modernen Komposition ein. Das eine Präludium klingt wie ein vorweggenommenes Echo zum Thema Bachs, ein anderes endet mit dem selben Ton, mit dem das Bachsche Werk beginnt. Irritiert stellt man fest, dass man ja schon eine Weile Bach hört und nicht mehr Musik des 21. Jahrhunderts. Die Modernität des Thomaskantors ist kaum je sinnfälliger geworden als hier. Queyras spielt mit einer traumwandlerischen technischen Sicherheit und einer Präsenz, dass man nach mehr als drei Stunden Konzert sich wünscht, er würde noch einmal von vorn beginnen.

Die Begegnung von Zeitgenössischem mit der Alten Musik ist auch das, was Heike Hoffmann am Herzen liegt. Die Musikwissenschaftlerin will die Schwetzinger Dramaturgie weiterentwickeln, wenn sie die künstlerische Leitung sowohl der Konzerte wie des Musiktheaters in der nächsten Spielzeit übernimmt. Dabei geht es ihr darum, Neue und Alte Musik noch enger zu verbinden, wie etwa beim Konzert von Queyras. Auch im Musiktheater sollen Verzahnungen zu erleben sein. Ohne allzuviel zu verraten, denkt Heike Hoffman darüber nach, etwa ein Opernfragment aus der Barockzeit durch Zeitgenössisches ergänzen zu lassen. Das schafft ganz neue Möglichkeiten der Begegnung.

Öffnen will sie das Festival in die Stadt Schwetzingen hinein, auch für jüngere Publikumsschichten. Etwa mit Jazzmusikern, die einen klassischen Hintergrund haben. Keine Revolution, sondern eine Evolution ist ihre Devise. Eine behutsame Weiterentwicklung und Öffnung. Man darf gespannt sein.

Sehenswertes Schloss

Rokokotheater Ein Ereignis der Schwetzinger Festspiele ist allein schon der Schauplatz:   das Schwetzinger Schloss samt Gartenanlage. Das Schlosstheater ist Teil der Residenz der Pfälzer Kurfürsten. Es wurde von Nicolas de Pigage 1752 erbaut und 1762 erweitert. Und es ist das älteste erhaltene Rangtheater weltweit.

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