Ein unerschrockener Denker

Er gilt als einer der bedeutendsten arabischen Literaten der Gegenwart und seit Jahren als Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis: Der Dichter Adonis ist Freigeist und Weltbürger. Am Neujahrstag wird er 85.

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Die Buchmacher haben ihn Jahr für Jahr als einen Favoriten für den Literatur-Nobelpreis auf der Liste: Adonis.  Foto: 

Sein Pseudonym ist Programm: Als Ali Ahmad Said Esber begann zu dichten, nannte er sich Adonis. Der phönizische Frühlingsgott war der Herr (Adon) der Wiedergeburt. Eine Renaissance wollte auch der syrisch-libanesische Dichter einleiten, der am 1. Januar 85 Jahre alt wird: ein Avantgardist, der sich der Tradition verbunden fühlt.

"Adonis hat nicht nur der arabischen Poesie neue Wege gewiesen, er ist vor allem ein unerschrockener Denker, der in seinen großen ideengeschichtlichen Essays das Individuum feiert, das sich über alte dogmatische Formen von Gemeinschaft und Religion hinwegsetzt", urteilt Joachim Sartorius. Der Orient-Experte hatte 2011 die Laudatio gehalten, als der Dichter mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet wurde. Adonis sei "ein leidenschaftlicher Rebell gegen die geistige Erstarrung der arabischen Kultur", hieß es damals in der Begründung.

Geboren wurde er am 1. Januar 1930 in dem nordsyrischen Dorf Qassabin, heute lebt er in Paris. Schon sein Vater, ein Bauer und Imam, schrieb Gedichte. Als das damalige Staatsoberhaupt das Dorf besuchte, las ihm der 13 Jahre alte Ali selbst verfasste Verse vor. Zum Dank durfte er die französische Schule und das Gymnasium besuchen. Von 1950 bis 1954 studierte er Philosophie in Damaskus, verbrachte wegen seines politischen Engagements mehrere Monate im Gefängnis.

Mit seiner Ehefrau, der Literaturwissenschaftlerin Khalida Salih, siedelte er 1956 in den Libanon über und promovierte 1973 an der Beiruter Universität über "Tradition und Erneuerung in der arabischen Kultur". Adonis gehörte einem avantgardistischen Dichterkreis an, träumte von einer Wiedergeburt der arabischen Poesie aus dem Geiste Heraklits, Hölderlins und Heideggers.

"Gott ist tot", behauptet er seit seinem ersten Gedichtband - angelehnt an Nietzsche, verfasst in den freien Versen der europäischen Moderne. Seine Botschaft aus kurzen Gedichten und langen Prosahymnen legte er Mihyar, dem klassischen Dichter der Schiiten, in den Mund. "Es gehört eine Riesenportion Mut dazu, den Monotheismus, also auch den Islam, als ein Grundübel der Menschheit zu bezeichnen, und für die vorislamischen Traditionen der Toleranz zu plädieren", urteilt Adonis-Kenner Sartorius. Der Dichter ist klar in seinen Positionen: "Religion als führende Institution bedeutet immer Tyrannei", sagte Adonis Anfang des Jahres in einem Interview, "Religion ist nicht nur undemokratisch - sie ist auch essenziell antirevolutionär."

Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner hat Adonis nicht nur übersetzt, sondern unter dem Titel "Wortgesang. Von der Revolution zur Dichtung" 2012 im S. Fischer Verlag auch seine Poetik herausgegeben. Auf die Frage, ob der Dichter als "säkularer Mystiker" zu bezeichnen sei, antwortet Weidner unumwunden mit "ja". Ein weltlicher Mystiker - vielen Muslimen gilt er als Ketzer.

Adonis habe auch die Sexualität für die arabische Dichtung zurückerobert, sagte Weidner in seiner Laudatio zur Verleihung des Petrarca-Preises 2013. In seinen späten Liebesgedichten, die unter dem Titel "Der Wald der Liebe in uns" 2013 im Verlag Jung und Jung auf Deutsch erschien sind, habe er den Körper mit Symbolik aufgeladen, der auf Höheres deutet: "Die Liebe wird wieder Mystik, nur diesmal ohne Gottesbezug." Der Dichter gilt als Weltbürger und Freigeist. Er wendet sich gegen islamischen Fundamentalismus, wirft aber auch Amerikanern und Europäern vor, sich in kultureller Überheblichkeit gegen Fremdes abschotten zu wollen. 30 Jahre vor dem Attentat vom 11. September 2001 hatte er nach einem Besuch in den USA "Ein Grab für New York" veröffentlicht: ein Langgedicht, das im Namen des amerikanischen Rhapsoden Walt Whitman den Untergang der westlichen Metropole beschwört. Vielen gilt das Gedicht heute als prophetisch.

Die gläsernen Stadtlandschaften und technischen Errungenschaften des Westens sind ihm fremd geblieben - obwohl er schon seit den 80ern in Paris lebt. Lange hatte er in Beirut ausgeharrt, auch als er im libanesischen Bürgerkrieg mehrfach ausgebombt wurde. Seine Kriegserfahrungen verarbeitete er 1985 in dem "Buch der Belagerung".

Heute leide Adonis darunter, dass sein Lebensziel - die Überwindung der Widersprüche zwischen Orient und Okzident - infrage gestellt sei, urteilt Satorius. "In seiner Haltung zum syrischen Bürgerkrieg hat er relativ früh für Realismus plädiert - dass eine Lösung nicht gegen, sondern nur in Verhandlungen mit dem syrischen Diktator erreicht werden kann." Das hat dem Dichter nicht nur die Kritik der Opposition eingetragen. Auch westlichen Leser, darunter Weidner, können ihn nicht immer verstehen. Vielleicht ist ihm auch deshalb der Nobelpreis bislang vorenthalten geblieben.

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