Ein Schicksalsrad klappert in der Laufenmühle

Behinderte und Nichtbehinderte, Laien und Profis: Das Projekt "Carmina" soll in Kontakt bringen. Dieses Wochenende zeigen drei Aufführungen das Ergebnis: eine szenische "Carmina Burana" nach Carl Orff.

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Ein Stift landet auf dem Boden, kreist, zeigt dann auf einen 14-Jährigen. Der schaut verdattert auf - schon winkt ihn der Londoner Choreograf Wolfgang Lange in den Kreis. Der Junge soll vortanzen, die anderen tanzen nach. Eine simple Aufwärmübung, wären da nicht 150 Tänzer ringsum. Die ersten Regungen sind verhalten. Doch schnell wandelt sich der Vortänzer: Im Zentrum zu stehen - ist doch cool!

Das Eintanzen an diesem Freitag in der Welzheimer Mehrzweckhalle wirkt weit entfernt von der Tanzkunst zu Carl Orffs "Carmina Burana", die ein Wochenende später 3500 Zuschauer begeistern soll. Dabei sind die Tänzer am Kern angelangt, der Interaktion. Am Besten gelingt das den geistig und körperlich Behinderten der Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Laufenmühle, einer Einrichtung bei Welzheim. "Sie haben keine Angst zu improvisieren oder sich zu blamieren", sagt Lange. Als Schüler von Hilde Holger hat er die Londoner Amici Dance Theatre Company gegründet und arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit Behinderten und Nichtbehinderten. Er ist überzeugt, dass so alle voneinander lernen. Die Bewohner der Laufenmühle tanzen unbefangen wie die Profis ringsum - Langes Amici-Kollegen und die Australierin Jo Ann Endicott vom Tanztheater Pina Bausch.

Die beteiligten Schüler dagegen - Förderschüler der Welzheimer Janusz-Korczak-Schule und Realschüler von der Winnender Albertville-Realschule - können die Choreografien präziser umsetzen. Endicott hatte vor der Probe von ihnen geschwärmt und zugleich gewarnt: "Ab jetzt ist immer Chaos." Es wirkt tatsächlich recht verquer, als zwei Dutzend Jungs ihren Part proben. "Die Szene sah gruselig aus", sagt Probenleiter Volker Eisenach.

Der Begründer der Berliner Faster Than Light Dance Company kennt die Arbeit mit Laien. Er arbeitete bei "Rhythm is it!" mit, dem Kinofilm von Royston Maldoom. Jener Tanzpädagoge wird auch die letzten Proben begleiten.

Andere Szenen haben schon Charme: Zwei Jungen fassen ein Brett, sie drehen und winden sich, ergänzt von Tänzerinnen. Eisenach goutiert das mit "well done" - gut gemacht. Die Choreografie aus "In taberna" ist eine mitreißende Massenszene. Jana (19), Bewohnerin der Laufenmühle, hat keine Bedenken, dass am Ende ein tolles Werk steht. Sie liebt die Musik. "Da geht es zur Sache, aber es ist auch ruhig."

Zwei Tage später oberhalb der Laufenmühle: Von Wald umgeben steht dort eine Bühne samt Tribüne für mehr als tausend Zuschauer. Die Junge Süddeutsche Philharmonie und das Esslinger Vocalensemble dirigiert vom Ulmer Generalmusikdirektor Timo Handschuh spielen in der ersten Gesamtprobe eine Passage des "Cours damour". Dazu drehen sich zwei Rollstuhlfahrer. Die Szene geht zu Herzen. Für die Schüler ist diese Nähe gerade zu Behinderten eine neue Erfahrung. "Es ist ungewohnt, aber es macht Spaß", sagt Annika (15) dazu.

"Oh Fortuna", die Ode an die Göttin mit dem Schicksalsrad, erschallt nun nicht wegen der guten Wetterprognosen, sondern fürs Fernsehen: Ein ZDF-Team filmt den Eingangschor. Das Medienecho ist groß - wie erhofft. Denn: Ein Manko der Laufenmühle sei, dass sie so abgelegen ist, sagt Projektleiter Philipp Einhäuser. "Da wir die Einrichtung nicht in die Gesellschaft integrieren können, integrieren wir die Gesellschaft in die Einrichtung."

Info Karten für "Carmina - das inklusive Tanzprojekt" am 5., 6.,7. Juli gibt es unter Telefon (0711) 255 55 55; Näheres im Internet: www.carmina-laufenmuehle.de

Von der Idee zur Realität

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