Ein Münchner im Himmel

Von "Herbstmilch" bis zum "Brandner Kaspar": Heimatfilmer nennt man Joseph Vilsmaier schon lange. Nun hat er für die Dokumentation "Bavaria" sein Heimatland aus dem Hubschrauber porträtiert.

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Der Watzmann darf in "Bavaria" nicht fehlen. Foto: Verleih

Wenn man alte TV-Filme ansieht, stellt man fest, dass aus Josef Vilsmeier 1972 Joseph Vilsmaier wurde. Wollten Sie noch bairischer werden?

JOSEPH VILSMAIER: Nein. Ich hatte mich bis dahin halt wie mein Vater geschrieben. Zufälligerweise habe ich in meine Geburtsurkunde reingeschaut und festgestellt, dass man Vilsmaier mit "ai" schreibt und ich Joseph mit "ph" heiße (lacht).

Sie sind in München geboren, in Niederbayern aufgewachsen, waren nahe Augsburg auf dem Internat. Haben Sie durch "Bavaria" noch neue Seiten des Landes kennengelernt?

VILSMAIER: Pausenlos! Weil von oben alles anders ausschaut. Ansonsten kenne ich natürlich alles, vom Fingerhakeln über Trachtenumzüge bis Wallfahrten, die ganze Mentalität. Ich bin ja alt genug.

Aber jeden Winkel werden Sie nicht gekannt haben.

VILSMAIER: Natürlich nicht. Etwa den Spessart - man meint, man ist im brasilianischen Dschungel: Wald ohne Ende. Was es in Bayern für Natur gibt, was für Kulturschätze, das hält man gar nicht aus.

Sie haben eine Love Story gedreht: Ihre Liebeserklärung an Bayern.

VILSMAIER: Ach, was heißt Liebeserklärung. Wenn ein Anderer einen Film über Nordrhein-Westfalen oder Hamburg dreht, wird das genauso interessant. Okay, Bayern ist gesegnet mit seiner Landschaft, mit den Seen, den Bergen. Und es ist ein reiches Land, das sieht man: viel Industrie, unglaubliches Potenzial. Wir sind über die Dörfer geflogen und haben gesucht: Wo bröckelt mal Putz runter, wo zerfallen Häuser? Nichts! Alles wie aus dem Ei gepellt bis zum Geht-nicht-mehr.

Sie sind über die Kameraarbeit zur Regie gekommen. War "Bavaria" eine Verführung, einfach mal den schönen Bildern nachzugeben?

VILSMAIER: Es ist immer die Rede von "Postkartenmotiven". Aber was wir von oben gesehen haben, konnten wir ja nicht verändern - es ist so, wie es ist. Einfach schön. Klar, beim Spielfilm muss man der Geschichte dienen. Es gibt Geschichten, da ist die Kamera so wurscht wie sonst was. Optimal ist es, wenn man eine Supergeschichte hat und sie mit tollen Motiven schildern kann. Reizvoll waren da etwa "Comedian Harmonists" und "Schlafes Bruder".

Heimat und Natur ziehen sich als Themen seit Jahrzehnten durch ihr Werk. In "Bavaria" konnten Sie das richtig zusammenbringen.

VILSMAIER: Schon. Aber ich habe auch ganz anderes gemacht. In "Der letzte Zug" über einen Transport nach Auschwitz gibts keine Heimat, nichts Schönes, nur Grauen. Aber auch das muss man zeigen, damit man das nicht vergisst.

In "Bavaria" zeigen Sie das KZ Dachau und Hitlers Berghütte über Berchtesgaden. . .

VILSMAIER: Das war mir wichtig. Ein 30-jähriger Regisseur hätte das vielleicht nicht gemacht, hätte einfach nicht dran gedacht. Ich wollte auch unbedingt die Synagoge in München reinbringen. Das gehört dazu. Es ist natürlich nicht leicht, das einzubauen: von den Anschlussbildern, von der Stimmung her.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Bayern in all den Jahren gewandelt?

VILSMAIER: Ich wollte vor mehr als 40 Jahren mal nach Kanada auswandern, aber mein Kumpel bekam kein Visum und allein wollt ich nicht, das wars dann. Aber dass ich an Bayern, an meiner Heimat, zweifeln würde - dazu bin ich zu verwurzelt. Ich war auf der ganzen Welt, habe überall gedreht, es war immer schön und interessant - aber nach einer gewissen Zeit habe ich immer Heimweh gekriegt. Heimweh im Sinne von: wo meine Leute sind. Also wegen der Menschen, der Freunde. Nicht wegen einem Baum, da gibts in Kanada viel schönere. Meine Kinder sind ähnlich: Wenn die lange Zeit weg waren und nach Monaten nach Hause kommen, bestellen die sich erstmal einen Schweinebraten mit Knödel.

Sie sprechen in "Bavaria" auch die Texte. Wie sind Sie denn zu der Rolle gekommen?

VILSMAIER: Ich wurde gezwungen (lacht). Nein, aber ich wurde so lange getriezt von meinen Mitstreitern, bis ich das halt mal probiert habe. Und dann haben alle gesagt: Wenn ich das spreche, klingt das eben so, wie die Bayern sind. Und der Hannes Burger hat gute Texte geschrieben, voller Geschichtswissen und auch mit Leichtigkeit.

Ihr Dialekt prägt den Film. Die Musik von Haindling ebenso. Haben Sie ihm einfach so vertraut, dass er den richtigen Ton trifft?

VILSMAIER: Ich hab gesagt: "Lieber Hans-Jürgen, mach einfach so, wie du meinst." Und das hat gepasst.

Haindling hat ja durchaus auch mal ein Augenzwinkern in seinen Texten. Wars Ihnen wichtig, dass es nicht zu pathetisch wird?

VILSMAIER: Schon. Bayern ist ohnehin ein einziges Zwinkern.

Ein bisschen Distanz ist wichtig?

VILSMAIER: Natürlich. Man darf das alles nicht so ernst nehmen. Die Natur ist, wie sie ist. Die Gebäude, die stehen halt da, sind wunderschön. Auch der Hannes Burger hat Ironisches in den Texten. Etwa angesichts der Pilgermassen in Altötting: "Ich habe gar nicht gewusst, wie viele Sünder es gibt."

Also kein Pathos: In Neuschwanstein und im Augsburger Rathaussaal sieht man Putzfrauen am Werk.

VILSMAIER: Das ist nicht gestellt. Ich bin da rein, hab die gesehen und gesagt: "Das müssen wir drehen. Putzen Sie bitte einfach weiter!" Was für ein Bild!

Und am Bratwurststand in Nürnberg steht eine Asiatin am Grill.

VILSMAIER: Die ist echt! Auch das ist Bayern heute. Genauso wie der Kontrast zwischen den Obdachlosen und der Maximilianstraße, den ich zeige.

Sollen Ihren Film nun eher die Bayern oder die Preußen anschauen?

VILSMAIER: Beide! Sowieso, dieses Preußen-Bayern-Geschwätz. . . Ich mag den Hamburger genauso, und mit dem Berliner komm ich auch aus. Nur weil er einen anderen Dialekt spricht - das ist mir doch völlig wurscht. Ich mag sogar die Sachsen.

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