Ein Happy-End ist denkbar

Mit der "Geschichte von Zeb" schließt Margaret Atwood ihre Trilogie um die Zukunft der Menschheit nach einer katastrophalen Virusepidemie ab. Die Kanadierin findet ihre Anti-Utopien noch recht optimistisch.

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Margaret Atwood im Gespräch.  Foto: 

Diese Frau hat Humor. Reichlich. Immer wieder muss Margaret Atwood kichern, als sie beim Bücherfest in Edinburgh Auszüge aus ihrem Roman "MaddAddam" vorliest. Etwa als Hauptfigur Zeb in ein Bärenfell gehüllt ein Mountainbike klaut - und deshalb für eine Art Yeti gehalten wird. Dabei ist die Thematik dieses abschließenden Teils einer Trilogie gar nicht so lustig.

Das Buch war vergangenen Sommer auf Englisch erschienen und liegt jetzt als "Die Geschichte von Zeb" auf Deutsch vor. Schon in "Oryx und Crake" (2003) und aus einer zweiten Perspektive erzählt in "Das Jahr der Flut" (2009) hatte ein irrer Gen-Ingenieur die Menschheit fast ausgerottet, indem er eine Lustpille mit einem tödlichen Virus versetzte. Der dritte Roman setzt das Endzeitszenario fort: mit dem von ihm erschaffenen hypergesunden, liebeskummergefeiten, aber todlangweiligen blauen Volk der Craker, einer Handvoll überlebender Bio-Freaks, genmanipulierten Tierkreuzungen, der wiederbelebten Tradition des Geschichtenerzählens und dem von Administrator MaddAddam kontrollierten Computerspiel "Hallo Darmparasit!". Das gibt es inzwischen wirklich. Auch darüber freut sich die Grande Dame der kanadischen Literatur gewaltig.

Margaret Atwood blickt mit fast 75 Jahren auf mehr als 70 veröffentlichte Bücher zurück: darunter ein 80er-Jahre-Bestseller, den Volker Schlöndorff als "Die Geschichte der Dienerin" 1990 verfilmt hat, zahlreiche weitere hochgelobte Romane, Kinderbücher, Kurzgeschichten- und Lyriksammlungen, Drehbücher, politische Essays und sogar Opernlibretti - ihre jüngste Oper "Pauline" wird am 23. Mai in Vancouver uraufgeführt. Dazu ist sie Honorarprofessorin an prestigeträchtigen Universitäten in aller Welt und zusammen mit ihrem Lebenspartner sozial vielfach engagiert. Aber sie twittert auch - und verfolgt als Tochter eines Insektenforschers die Welt der Wissenschaften sowie jegliche Errungenschaften des modernen Lebens mit klarem, kritischem Blick und stets messerscharfem Verstand. "Ja, ich bin ganz schön beschäftigt", sagt die Frau, die mit sechs zu schreiben begann und mit 16 wusste, dass das ihr Beruf wird.

"Der Report der Magd" werde nun für eine TV-Serie adaptiert, verrät sie im Telefon-Interview, zu dem sie um 7.30 Uhr Ortszeit zuhause in Toronto Zeit findet. Zwei weitere Romane werden ebenfalls fürs Fernsehen verfilmt, mehr darf sie nicht verraten. Sie arbeite an einem neuen Roman, der Ende 2015 auf Englisch erscheinen soll, und an der Modernisierung von Shakespeares "Sturm" für ein Verlags-Projekt. Im Herbst wird ihr Erzählband "Stone Mattress" veröffentlicht - über ein Fossil, das zur Mordwaffe wird. Kichern.

Schreiben mache ihr schlichtweg Spaß und komme wohl von tief Innen raus. Aber als Kind in den Wäldern Nord-Quebecs sei sie eben auch an keine andere Kunstform rangekommen, erzählt sie. Zu den Autoren, für die das Schreiben "von Anfang bis Ende eine Qual" sei, gehöre sie definitiv nicht. Wieder dieses kaum unterdrückte, kehlige Lachen. Ernst wird die gefeierte Wortschöpferin bei drei Themen: Krieg, Umwelt, fundamentalistisch-christlicher Fanatismus. Sie alle fließen immer wieder in ihre in der jüngeren Vergangenheit oder nahen Zukunft angesiedelten Romane ein.

"Der blinde Mörder" etwa spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Wie stark ihr Heimatland davon betroffen war, das wie England lange vor den USA Soldaten entsandte, ist in Europa kaum bekannt. Kanada jedoch habe sich danach von der Idee verabschiedet, eine Kolonie zu sein.

In Bezug auf die Bewahrung der Schöpfung, die sie von religiösen Dominionisten bedroht sieht, und die Existenz Überlebender in "Die Geschichte von Zeb", sei diese Dystopie ja noch recht optimistisch, meint Margaret Atwood. In der realen Welt werde das nur gelingen, wenn "wir uns aus den selbstgeschaffenen Problemen wieder rausdenken". Sprich: aufhören, die Meere zu vergiften, die unsere Atemluft garantieren; aufhören, die Lederschildkröte auszurotten, die als Quallenfeind den Fischbestand sichert. "Wir werden den unserer Welt zugrundeliegenden biologischen Gegebenheiten viel mehr Beachtung schenken müssen", mahnt die Autorin. Da sie die Menschen aber für "ziemlich klug" hält, sei ein Happy-End durchaus denkbar.

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