Ein Engel namens van Gogh

Leon de Winters neuer Roman "Ein gutes Herz"

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In Amsterdam herrscht Panik und Entsetzen. Ein Terroranschlag auf die "Stopera", den Gebäudekomplex, der Rathaus und Musiktheater vereint, hat Todesopfer gefordert. Der Bürgermeister bittet einen bekannten Schriftsteller um einen Text für eine Presseerklärung an das Volk: ",De Winter ist ein Arsch, sagte Cohen. ,Aber er kann mit Sprache umgehen." Das mit der Sprache stimmt auf jeden Fall, und mit seinem neuen Roman "Ein gutes Herz" ist dem niederländischen Bestsellerautor Leon de Winter ein Polit-Thriller gelungen, der atemraubend Fakten und Fiktion vermischt.

Job Cohen war tatsächlich Bürgermeister von Amsterdam, und auch der rechtspopulistische Politiker Geert Wilders gehört zum Roman-Personal, ebenso wie Staranwalt Bram Moszkowicz, der ehemalige Justizminister Piet Hein Donner oder der 59-jährige Leon de Winter selbst. Und eine Hauptrolle spielt dessen Erzfeind Theo van Gogh, der Filmregisseur, der 2004 von dem Islamisten Mohammed Bouyeri ermordet wurde.

Van Gogh riss öffentlich antisemitische Witze, er warf de Winter vor, sein Judentum zu vermarkten; in einer TV-Sendung behauptete er sogar, dass sich de Winter beim Sex mit seiner Ehefrau Jessica Durlacher fetischhaft mit Stacheldraht aus Vernichtungslagern stimulieren würde. Ekelhaft. So stehts auch im Roman, der das Sittenbild einer niederländischen Gesellschaft zeichnet, der die fröhliche Tulpen-aus-Amsterdam-Mentalität entgleitet, die zerrieben wird von Intoleranz und Verbrechen, von religiösem und politischem Fanatismus.

Andererseits schreibt de Winter narzisstisch bis selbstironisch über sich als fettleibigen Frauenverführer und Autor Leon de Winter, der in spektakulärer Wirklichkeit den besten Romanstoff seines Lebens findet. Große Themen sind auch Liebe, Hass, Moral, Glaube, das Schicksal, das Übersinnliche, die Wunder in unserer Zeit.

Das ist ziemlich viel auf einmal, viele Fäden verknüpft de Winter in seinem filmreifen Plot. Aber die Story, die an John Updikes "Terrorist", auch an Josef Haslingers "Opernball" erinnert und doch einmalig unverfroren reale Figuren verdramatisiert, fesselt den Leser. Zumindest dann, wenn dieser das erste, surreal-fantastische Kapitel bewältigt hat. Wie also rächt sich de Winter an Theo van Gogh? Gar nicht. Er befördert ihn zum Schutzengel. Der Roman beginnt aus der Ich-Perspektive Theos, der gerade von dem "Scheißmarokkaner" Bouyeri geköpft worden ist und jetzt gewissermaßen an der Portiersloge des Totenreichs steht. Sein Berater dort ist ein Franziskanermönch namens Jimmy Davis, der Theo klarmacht, dass er sich die Läuterung seiner Seele erarbeiten müsse, eben als Schutzengel eines gewissen Max Kohn, eines ehemaligen Gangsterbosses, der auch mal mit Leon de Winter Koks gedealt hat - jedenfalls im Roman. So entwickelt sich, aus wechselnder Perspektive griffig erzählt, eine immer wieder neu überraschende Handlung.

Max Kohn lebt durch das Spenderherz eben jenes Jimmy Davis, der in den USA verstorben ist und im Himmel einen Schutzengel für Max bestellt. Pater Davis war ein Mann, der sehr an Gott glaubte, aber auch an die Frauen und vor allem die Holländerin Sonja Verstraete liebte. Die wiederum ist Ärztin und lernte einst in der Notaufnahme einer Amsterdamer Klinik Max Kohn kennen, der von zwei Killern niedergestreckt worden war, die ihr Vater, ein Immobilienhai, auf den Rivalen angesetzt hatte. Aber das weiß sie natürlich nicht.

Kichie Ouaziz, engster Freund von Max, erledigte dann auf eigene Rechnung das, was in Unterweltkriegen üblich ist, und erschoss Killer und Auftraggeber, wofür er im Gefängnis sitzt, während Max durch einen Deal ins Ausland abgeschoben wurde. Aber jetzt kommt Max mit seinem neuen Herz in die Niederlande zurück, um Sonja zu suchen, um auch dankbar zu erkunden, weshalb ausgerechnet er das Glück hat, mit dem Herz von Jimmy Davis weiterleben zu dürfen. In Amsterdam aber ist die Hölle los, weil eine ganze Fußballmannschaft junger, islamistischer Marokkaner, angeführt ausgerechnet von Kitchie Ouaziz Sohn Sallie, nicht nur einen Anschlag auf die Stopera verübt . . .

Eine irre Geschichte, aber das war jetzt nur ein Ausschnitt. Leon de Winters Roman ist ein boulevardesker Thriller, der Leser lächelt über unglaubliche Wendungen. Und staunt, wie der Autor in seinem Welttheater die Grenze von Gut und Böse aufhebt und ausgerechnet seinem Lieblingsfeind Theo van Gogh das Happy End reserviert. Dieser Roman hat, ganz banal, auch eine Friedensbotschaft.

Leon de Winter über islamistischen Terror
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