Edgar Reitz als Chronist deutscher Sehnsucht

Es war die tiefe Lebenskrise eines Künstlers, die die Entstehung eines der wichtigsten Werke Nachkriegsdeutschlands erst ermöglichte.

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Weil der Flop des Films "Der Schneider von Ulm" Edgar Reitz zwang, sich zurückzuziehen und sich zurückzubesinnen: auf die Herkunft, die eigenen Wurzeln, die Kindheitswelt, die Anfänge des Erzählens. Was dann in den frühen 80ern nach ausgiebiger Recherche an seinen Lebens-Quellen im Hunsrück entstand, hat längst seinen Platz in der Film- und Fernsehgeschichte inne: "Heimat".

Die Saga, in drei Jahrzehnten angewachsen auf drei epische TV-Serien und 2013 in dem Kinofilm "Die andere Heimat" noch einmal einen künstlerischen Höhepunkt erreichend, prägt heute wie ein Monolith den Blick auf Reitz' Leben und Werk. Auch in Thomas Koebners Buch "Edgar Reitz - Chronist deutscher Sehnsucht" nimmt "Heimat" unweigerlich einen zentralen Teil ein: Der Literatur- und Filmwissenschaftler setzt sich so fundiert wie detailliert mit den Themen und Motiven, aber auch mit der Ästhetik und den Erzählformen von Reitz' Magnum Opus auseinander.

Der Leser staunt so noch einmal über die Einzigartigkeit dieses Mammutprojekts, über dessen Ambitionen, Reichhaltigkeit und Komplexität, den intellektuellen und emotionalen Tiefgang. Koebner schildert auch die Entstehungsprozesse: "Heimat" ist ein Höhepunkt der deutschen Fernsehgeschichte, das Verhalten der TV-Sender war aber kein Ruhmesblatt.

Doch wer ist dieser mittlerweile 82-jährige Mann, der "Heimat" geschaffen hat und damit nichts weniger als einen Paradigmenwechsel in der deutschen Geschichtsbetrachtung mit ausgelöst hat? Koebners Buch geht zur Beantwortung dieser Frage auch auf Reitz' Frühwerk ein: auf Studienfilme und cineastische Experimente, auf erste vom Oberhausener Manifest geprägte Autorenfilme wie "Cardillac", auf Spielfilme wie "Die Reise nach Wien", "Stunde Null" und eben "Der Schneider von Ulm".

Koebners analytischer Blick fügt Reitz' Schaffen zu einem über "Heimat" hinausgehenden Gesamtbild zusammen. Was das Buch freilich nicht leistet und wohl auch nicht leisten will: den Menschen Reitz zu porträtieren - insofern ist der Untertitel "Eine Biographie" sogar etwas irreführend.

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