Dirigent Adam Fischer : "Man soll sich selbst prüfen"

Der ungarische Stardirigent Adam Fischer steht nicht nur am Pult, er mischt sich ein: Weltweit kämpft er gegen Rassismus und Antisemitismus. Unter anderem engagiert er sich für Sinti und Roma.

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Adam Fischer ist ein prominenter ungarischer Regierungskritiker.  Foto: 

Der ungarische Dirigent Adam Fischer (64) kennt die berühmtesten Musikhäuser der Welt. Und er engagiert sich seit Jahren auch für die Menschenrechte: In Budapest legte er 2010 aus Protest gegen die Einmischung der rechtskonservativen ungarischen Regierung in den Musikbetrieb sein Amt als Generalmusikdirektor der Staatsoper nieder. In einer international beachteten Petition rief er 2011 Künstler in Europa dazu auf, gegen erstarkenden Rassismus zu kämpfen. In Düsseldorf dirigierte Fischer am Wochenende Mozarts Requiem - im Gedenken an die in der NS-Zeit verfolgten Sinti und Roma.

Was bedeutet das Thema des Genozids und der Verfolgung für Sie?
ADAM FISCHER: Es ist wichtig, dass man sich erinnert. Es gibt noch Überlebende des Holocaust unter uns. Ich habe selbst eine Tante, die mit 18 Jahren in Auschwitz war, und sie hat mir viel erzählt. Jetzt ist sie 88. Mich interessiert aber auch die Gegenwart und die Zukunft, weil die Kultur der Erinnerung eine ganz direkte Auswirkung auf heute und die Zukunft hat.

Wie kamen Sie dazu, ein Konzert in Erinnerung an die Verfolgung von Sinti und Roma zu dirigieren?
FISCHER: Meine Tante in Auschwitz hatte gehört, wie das Roma-Lager dort vernichtet wurde. Sie hat immer von dieser Nacht im August 1944 erzählt. Sie ist Jüdin und war in einem benachbarten Lager. Meine Großeltern sind in Auschwitz ermordet worden. Aber mein Engagement für die Roma hat auch andere Gründe. Ich mache das eigentlich deshalb, weil ich das Gefühl habe, dass der Rassismus gegen Roma im heutigen Alltag stärker präsent ist. Er ist auf eine andere Weise gefährlich als der wachsende Antisemitismus. Ich habe das Gefühl, man kümmert sich zu wenig darum.

In Düsseldorfs Nachbarstadt Duisburg leben viele Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien. Auch sie treffen auf Ressentiments.
FISCHER: Das sind auch soziale Probleme. Gefährlich wird es, wenn man anfängt zu denken, dass die Probleme ethnisch bedingt sind und nicht sozial, dann ist man manipulierbar.

Was hat Ihre Petition zum Kampf gegen Rassismus bewirkt?
FISCHER: Zuspruch habe ich bekommen, auch Politiker sind auf mich zugekommen. Bei einzelnen Aktionen bin ich konkret vorgegangen, zum Beispiel in Ungarn. Dort wollte ein staatlich finanziertes Theater ein antisemitisches Stück aufführen. Dagegen habe ich Unterschriften gesammelt, und es wurde dann vom Spielplan abgesetzt. In kleinen Schritten habe ich etwas bewirkt, im Großen und Ganzen hoffe ich, dass die Menschen zum Nachdenken gebracht werden. Nachdenken ist wichtig. Man soll sich selbst auch prüfen. Grundsätzlich zu zweifeln, ist das Wichtigste. Der Mensch soll das Zweifeln lernen.

Können Konzerte helfen, rassistische Strömungen zu bekämpfen?
FISCHER: Sie meinen, ob das Konzert etwas nützt oder nicht. Wenn die Leute nachdenken, dann habe ich schon mein Ziel erreicht. Was mich immer wieder überrascht ist, wie leicht Menschen manipulierbar sind und wie Probleme in der Gesellschaft oder Frust darüber gegen andere Menschen gelenkt werden können. Uns muss bewusst sein, dass wir manipulierbarer sind als wir denken.

Info Der 1949 in Budapest geborene Adam Fischer war unter anderem Generalmusikdirektor in Kassel und Mannheim. Er dirigiert an den größten Opernhäusern in Europa und den USA.

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