Diese Rosen welken nie

Anders kann, anders darf es nicht sein: schwarze Brille und Haare, rote Lippen, weiße Rosen. Nana Mouskouri entführt mit 77 Jahren ihre Fans in der Stuttgarter Liederhalle fast aus Zeit und Raum.

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Mit 77 Jahren geht sie doch noch einmal auf Tour: Nana Mouskouri. Foto: Imago

"Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert / Ich hab dich gesehen, mein Freund /

Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert / Ich war auch da, und du hast geweint"

Funny van Dannen

Violettes Licht entrückt die Bühne der Realität. Eine Bouzouki erklingt, eine Flöte gesellt sich dazu. Paukenwirbel. Eine eher junge Frau tritt auf. "Mit acht habe ich meine Mutter erstmals auf der Bühne erlebt", sagt Lénou Mouskouri. "Erst da habe ich gesehen, wie berühmt sie ist. Für mich war sie ja immer nur meine Mutter." Aber die Mutter, Nana Mouskouri, war und ist ein Weltstar, und "angefangen hat alles mit einem Lied".

Noch vor dem ersten Ton erheben sich die knapp 1000 Fans in der Stuttgarter Liederhalle für Nana Mouskouri, für dieses Lied: "Weiße Rosen in Athen", in Paul Kuhns geschmackvoll loungigem Arrangement. Sie blühen noch immer.

Ihre Abschiedstournee hat Nana Mouskouri längst hinter sich. 2008 war eigentlich Schluss. Aber nun ist sie mit dem Motto "50 Jahre weiße Rosen" wieder zurück. Rosige Erinnerungen, an diesem Abend singt sie auch noch "Die Rose" und "Sieben schwarze Rosen".

"Ich war nicht immer so wie heute", kokettiert sie charmant mit ihrem Alter. Bedeutet der Liedertext "Schau mich bitte nicht so an" heute wohl anderes? Aber nein, und ihre Anhänger schauen genau hin: schwarze Haare, schwarze Brille, schwarzes Glitterkostüm - alles so, wie es sein muss. 77 ist sie nun, blickt zurück auf ein halbes Jahrhundert Karriere, die einst in Frankreich und Deutschland begann: "Ich bin dankbar, wieder hier zu sein, wo alles anfing." Aber 1962 holte sie Quincy Jones auch schon in die USA, bald tourte sie mit Harry Belafonte. Sie sang in vielen Sprachen, in vielen Stilen: Jazzinterpretin in der anglophonen Welt, Chansonniere in Frankreich - in Deutschland oft auf den Schlager eingeengt.

"Irgendwer sagt immer auf Wiedersehen", aber jetzt gehts erstmal los. Natürlich bringt sie ihre deutschen Schlagerhits, mit und ohne Rosen, lässt "Johnny Tambour" trommeln, mit Pathos das "Lied der Freiheit" ausschwingen, verfeinert französisches ("Le Ciel Est Noir") und amerikanisches ("Over the Rainbow") Liedgut. Heimatgefühle schwingen mit, immer wieder entführt sie die Zuhörer nach Kreta: "Erotokritos", "Ta Psaradika".

Kleine Schritte, vorsichtige Gesten, langsam wagt sie ein Tänzchen, lässt sich mitreißen. Auch die Charakterstimme blüht in den mittleren Lagen immer wärmer auf; in enorme Höhen schwingt sie sich erst verhalten, später mutiger. Die typischen Mouskouri-Ornamente, das Vibrato, aber auch gehauchte Gänsehauttöne und raue Einsprengsel: All die Erfahrung und bestes Sangeshandwerk helfen ihr, die hörbaren Spuren der vielen vergangenen Jahre zu kaschieren, ja in etwas Bewegendes umzumünzen.

"Ich glaub an dich", singt sie. Die Fans glauben an sie und an das, was da erklingt. Fünf erfahrene Musiker um Band-Leader Luciano Di Napoli verleihen dem Gesang ein effektives Gerüst, zuweilen delikat, zuweilen wuchtig. Mal Folkpop, mal Chanson, mal Mitklatschkracher.

Der Traum aller Mütter sei, sagt sie, dass ihre Kinder singen, und so begleitet Tochter Lénou (42) sie auf der Tournee. Klar, was Howie, Costa und Wolle Petry mit ihren Söhnen betreiben, darf eine Mouskouri mit ihrer Tochter längst. Lénou bietet Poppiges und eher Seichtes, wird zu sextenseligen Duetten mit der stolzen Mama gebeten. Klar, diese Mutti ist die Beste. Also sowieso: Mutti ist noch immer die Bessere.

Ach, die jüngere Generation. Christina Aguilera, Kylie Minogue, Shakira, Adele: Berge von Tonträgern haben diese Stars verkauft, jede von ihnen stattliche 50, 60, 70 Millionen. Nana Mouskouri aber hat mehr verkauft als sie alle zusammen. 250 Millionen. Nach Madonna gilt sie als erfolgreichste Sängerin aller Zeiten, wahrscheinlich könnte sie Griechenlands Staatsschulden allein spürbar lindern, aber warum sollte sie das. Lieber steht sie nochmal auf der Bühne. Das zu erleben, berührt die Fans sichtbar.

Im zweiten Teil, nun ganz in tiefem Rot gekleidet, blickt sie zurück auf ihre Vorbilder, Weggefährten, Freunde: Belafonte, Jones, die Garland, die Dietrich, die Piaf. Sie verneigt sich vor ihnen, zelebriert existenzialistisches Drama. Dann tun die Rosenkavaliere im Publikum ihr Werk: "Wann kommen Sie wieder nach Stuttgart?" "Ich hoffe, bald!"

So folgen die Zugaben: unvermeidlich "Guten Morgen, Sonnenschein", "La Provence" und dann noch einmal, mit dem 1000-stimmigen Chor der Glückseligen. . .

". . .weiße Rosen aus Athen" sagen was? "Sagen dir: komm recht bald wieder." Man darf ja hoffen. Vielleicht, wie sie ganz zum Ende in "Hartino to fengaraki" zärtlich haucht, ist der Mond nur aus Papier, aber wenn man daran glaubt, kann alles Realität werden. Selbst Rosen, die niemals welken.

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