Die zwei Seiten der Diva

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Emotion pur: Patricia Kaas 2009 auf der Bühne der Stuttgarter Liederhalle. Foto: Helmut Pusch

Diese Riesenstimme und diese zierliche Frau. Das ist der erste Eindruck, der sich bei einem Konzert von Patricia Kaas aufdrängt. Der zweite: Diese Kraft und Leidenschaft, mit der sie singt und wie in ihrem Programm "Kabaret" tanzt. Und dann diese fast mädchenhafte Scheu, wenn sie den verdienten Applaus entgegennimmt.

Da stehen immer zwei auf der Bühne. Die begnadete Entertainerin und eine zweite Patricia Kaas, die irgendwie immer noch staunt, wie sehr sie von ihrem Publikum verehrt wird. Was es damit auf sich hat, beschreibt das Mädchen aus dem Osten ("Une fille de lest") in ihrer jetzt auf Deutsch erschienenen Autobiografie "Mademoiselle singt den Blues - Mein Leben". Und die beginnt nicht mit dem Geburtstag der Sängerin, sondern mit dem 16. Mai, dem Todestag ihrer Mutter. Dem Datum, an dem Patricia Kaas keine Konzerte gibt. Die einzige Ausnahme: ihre Teilnahme am Grand Prix DEurovision 2009 in Moskau.

Dieser Anfang ist bezeichnend für das Nesthäkchen der Bergarbeiterfamilie aus Stiring-Wendel, das zwischen Forbach und Saarbrücken liegt, gleich an der deutsch-französischen Grenze. Patricia Kaas ist das jüngste von sieben Kindern, die Verhältnisse sind höchst bescheiden. Vater Joseph Kaas ist Lothringer, arbeitet in der Kohlegrube, ist stolz, mit seiner Hände Arbeit seine Familie ernähren zu können. Um die kümmert sich Mutter Irmgard, eine Deutsche. Und sie ist es auch, die die junge Patricia ermutigt, sich als Sängerin zu versuchen. Die Kleine ist ein Talent, verfügt über eine tiefe kräftige Stimme. Sie singt so tief, weil sie nicht so schrill klingen mag wie ihre Mutter, wenn sie sich aufregt. Aber die mütterliche Unterstützung hat auch ihren Preis. Statt sich mit Gleichaltrigen zu treffen, geht Patricia Kaas zum Arbeiten, singt am Wochenende regelmäßig im Saarbrücker Club Rumpelkammer - ständig begleitet und beschützt von ihrer Maman. Eine durchschnittliche Adoleszenz sieht anders aus. Innerlich sei sie lange ein kleines Mädchen geblieben, schreibt Patricia Kaas.

Die Nachricht, dass ihre Mutter an Krebs erkrankt ist, ereilt Patricia Kaas just, als ihre Karriere ins Laufen kommt. Ihr erstes Album "Mademoiselle chante le Blues" ist eben erschienen, wird am Ende 15 Millionen Mal verkauft werden. Die Sängerin ist auf der Erfolgsspur, eilt von Konzert zu Konzert, während zu Hause ihre Mutter stirbt. Und gleichzeitig muss sich die junge Frau plötzlich in Paris, diesem anderen Frankreich, zurechtfinden, in dem dieses andere Französisch gesprochen wird, das glatte, geschliffene und nicht der harte Akzent Lothringens. Ihre Strategie: schweigen, wann immer es geht.

Nur auf der Bühne ist Patricia Kaas sicher, wenn sie singt, ihr das Publikum zu Füßen liegt. Dafür rackert sie sich ab und wird das Opfer eines Stalkers, der sie über Wochen verfolgt, sie schließlich in ihrer eigenen Wohnung bedroht - und am Ende von der Polizei erschossen wird, als er sich seiner Festnahme widersetzt.

Über all das, auch über ihre unglücklichen Beziehungen zu Männern, schreibt Patricia Kaas erstaunlich offen. Das scheue, schweigsame Mädchen ist zu einer starken Frau geworden und hat jetzt eine wirkliche berührende Autobiografie vorgelegt.

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